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P. Paulus Engelhardt: pax christi und die Reform der Kirche
Das Memorandum von katholischen Theolog/innen und die Seligsprechung von Papst Johannes Paul II. hat auch in pax christi zu Kontroversen geführt. P. Paulus Engelhardt bezieht sich in seinem Beitrag auf seine Erfahrungen mit dem Thema.
Re-form und Re-formation besagt ein Zurückgehen auf die ursprüngliche „Form“ der (katholischen) Kirche. Wie diese „aussah“, kann ein Kirchenhistoriker darstellen. Dazu gibt es eine Unmenge von Literatur von Kirchenhistorikern und Exegeten des Neuen Testaments. Einen weiteren Beitrag hinzuzufügen liegt nicht in meiner Kompetenz. Hingegen möchte ich versuchen, die vielfältigen Fragen auf eine einzige zurück zu führen. Seit langem finde ich Orientierung im Buch des inzwischen verstorbenen Mitbruders Yves Congar (1904-1995). Er fiel 1954 unter die römische Ablehnung der nouvelle theologie. Da er nicht mehr im französischen Ordensstudium lehren durfte, konnte er in Jerusalem seine biblischen Kenntnisse vertiefen. Ich besuchte ihn mehrfach im „Militärkrankenhaus“ in Paris und fand einen körperlich äußerst behinderten, aber geistig hellwachen Mitbruder vor. Seine erste Frage war fast immer: „Was macht die Ökumene in Deutschland?“ Das faszinierende Buch zu unserem Thema erschien 1952 unter dem Titel „Jalons pour une theologie de laicat.“ Die von Stephanus Pfürtner und mir angefertigte deutsche Übersetzung erschien 1957 in Stuttgart unter dem Titel „Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums.“ Dabei bedeutet „Laie“ nicht den (theologischen) Nicht-Fachmann, sondern das Mitglied des Gottesvolkes (laos tou theou). Der Ausdruck findet sich nicht in der Bibel, sondern erst im 2. Jahrhundert, also in der Zeit, in der sich Strukturen der Kirche anfänglich herausbilden. In der folgenden Zeit lassen sich zwei Kirchenbilder gegenüberstellen:
1. Das „hierarchische“ Bild: von oben nach unten: Christus als „Haupt“, der Priester als Stellvertreter, das Volk als „Empfänger“. Im Bild der Eucharistiefeier: Über dem Hochaltar das „Sanctissimum“: Gewandelte Hostie im Tabernakel, der Priester darauf gerichtet - mit dem Rücken zum Volk - die „Laien als Empfänger“.
2. Das communio-Bild: Die „Laien“ mit dem Priester um die Mitte des Altars versammelt - gleichberechtigt - mit Jesus vereinigt in Jesus eins.
Amt im Gottesvolk
Alle heutigen Konflikte lassen sich auf diese beiden Kirchenbilder zurückführen. Die Hierarchie ist nur als „Amt“ im Gottesvolk zu verstehen. Im Folgenden möchte ich auf wichtige Zusammenfassungen Congars hinweisen: Auf S. 459 schreibt er von der Urkirche, dass sie „in der Autorität der Apostel, der apostolischen Männer oder der Bischöfe einen monarchischen Aspekt in sich begreift, in der Rolle der Ältesten und der Ratsversammlungen einen aristokratischen Aspekt, und in dem Anteil, den alle Gläubigen an den Versammlungen haben, einen demokratischen Aspekt“. Diese dürfe man aber nicht trennen! Daraus folgt: Zur Struktur der Gesamtkirche gehört das römisch-katholische Element (monarchisch), das ostkirchliche Element (aristokratisch) und das reformatorische Element (demokratisch). Aber die deutsche evangelische Kirche ist zunächst bürgerlich, monarchisch und traditionsbewusst. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts bewegte sich vieles: der Einfluss von Karl Barth (1886-1968) mit seinen entschiedenen Stellungnahmen, besonders in der NS-Zeit auf evangelischer Seite, und Romano Guardini (1885 in Verona geboren, gestorben 1968 in München) auf katholischer Seite, führend durch den Quickborn in der liturgischen Bewegung. Alle „fortschrittlichen“ Kräfte waren für den Frieden.
pax christi: wandernde Kirche
Ich kam durch zwei ganz verschiedene Priester zu pax christi: Franziskus M. Stratmann (1883-1971) und Manfred Hörhammer OFm-Cap (1905-1085). P. Franziskus kehrte 1947 auf Anordnung seines Provinzials aus der „Verbannung“ zurück. Ich lernte ihn sofort im Studienhaus Walberberg kennen. Da ich an Friedensfragen interessiert war, bestimmte er mich zu seinem „Nachfolger“. Ich hatte durchaus Fragen an ihn. So wurde in „Aktiver Friede. Gedenkschrift für Friedrich Siegmund-Schulze“ (1885-1969) 1972, also nach Stratmanns Tod, S. 34 abgedruckt: „Nach der erzwungenen Auflösung des FDK (Friedensbund Deutscher Katholiken, in dem Stratmann führend tätig war) wurde seinen Mitgliedern empfohlen, sich der internationalen katholischen pax christi-Bewegung anzuschließen, die während des Krieges in Frankreich gegründet worden war. Dieser Anschluss wurde von vielen bedauert, weil die damalige pax christi ihnen für einen energischen Kampf zu leise zu treten schien. Doch das ist anders geworden ...“. Für unser Thema interessant sind seine „Tagebuchblätter 1940-1947“, 1962 erschienen, S. 201f. Dort zitiert er den hl. Johannes Chrysostomus, der über den Männern gleichberechtigte Weihen von Diakonissen berichtet, fügt eine sympathische Bemerkung an über die Tendenz mancher Frauen, Priesterinnen zu werden. Am Schluss der „Tagebuchblätter“ (S. 263) schloss sich Stratmann in der Frage der deutschen Verantwortung Karl Barth an. S. 267ff wiederholt er diese Zustimmung mit einigen Vorbehalten.
Für Manfred Hörhammer erschien zu seinem 70. Geburtstag 1975 ein Band unter dem Titel „Versöhnung. Gestalten - Zeiten - Modelle“, zu dem Julius Kardinal Döpfner, mit dem sich Manfred Hörhammer manches Mal gestritten hatte, das Geleitwort schrieb. Die Weite des Sammelbandes soll mit einigen Stichworten angedeutet werden: Versöhnung mit Frankreich, Polen, den Juden, allseitige Ökumene, Kirche und Politik, Gewaltfreiheit.
Erfahrung der Versöhnung
Nun meine persönlichen Erinnerungen: Beim Kölner Katholikentag 1956 war Manfred Hörhammer unser Gast in Walberberg. Ich ließ mich von ihm anstecken und nahm ab 1959 an vielen pax christi-Routen teil: Wallfahrten neuer Art, angeregt durch die Pariser Studentenwallfahrten nach Cluny. Wir waren „Kirche unterwegs“ - betend, meditierend, diskutierend - und erlebten überraschende Versöhnungsgesten in den Gastfamilien. Wir erlebten den andersartigen Katholizismus von Franzosen und Spaniern. Entscheidend wurde die Versöhnungsarbeit mit Polen. 1966 fanden sich auf Anregung von Walter Dirks (1901-1991) „Freunde von Pax Christi“ (zu denen ich auch gehörte) im Bildungshaus Bensberg bei Köln zusammen (daher der Name Bensberger Kreis), um über einige Themen zu sprechen. Am Anfang stand eine Denkschrift zum deutsch-polnischen Verhältnis, an der wir zu vielen Mitarbeitern mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen arbeiteten. Den endgültigen Text haben viele katholische Intellektuelle, u.a. Joseph Ratzinger unterschrieben, der allerdings einschränkend bemerkte, die Unterschrift galt nicht den Textstellen, die von der Theologie des Johann Baptist Metz geprägt seien. Die Folge war nicht nur die Unterstützung politischer Versöhnungsschritte, sondern auch viele freundschaftliche Kontakte in Polen. Das Memorandum „Demokratisierung der Kirche“ (1971) fand keine ungeteilte Zustimmung. Die Versöhnungsaktivitäten in Polen wurden von pax christi und dem Bensberger Kreis gemeinsam getragen. Offizieller Partner war die Znak-Gruppe, die einzige der im Sejm zugelassenen katholischen Gruppen, die keine Kompromisse mit der (kommunistischen) Regierung zuließ. Gegner im eigenen Land waren vor allem die Vertreter der katholischen Vertriebenenverbände, mit denen wir aber aufrichtig diskutierten. Diese Andeutungen mögen genügen, um etwas zum Thema beizutragen.
P. Dr. Paulus Engelhardt OP, geb. 1921, Prof. em. für Philosophie und ehemals Geistlicher Beirat der deutschen Sektion von pax christi.
90 Jahre Pater Paulus Engelhardt
Von Altersrückzug ist wenig zu merken. Im Gegenteil, an seinem 90. Geburtstag am 4. Mai, telefonierte Paulus Engelhardt, um letzte Korrekturen an seinem Beitrag durchzugeben. Ein Wissenschaftler und ein politisch wie spirituell leidenschaftlicher Friedenskämpfer, dem pax christi, nicht nur in seiner Funktion als Geistlicher Beirat in den achtziger Jahren, viel zu verdanken hat. Die deutsche Sektion und die Redaktion gratuliert von Herzen.
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Foto: Der Publizist Walter Dirks erhielt am 29. März 1981 den Romano-Guardini-Preis der katholischen Akademie in Bayern. Links Mitpreisträger Josef Piper, in der Mitte Kardinal Joseph Ratzinger. Foto: KNA
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