Im Dialog. Paulus Engelhardt OP 90 Jahre

Wort und Antwort 52. Jahrgang Heft 2 April - Juni 2011

Grußwort des Provinzials

 

Professor und Prediger, Wissenschaftler und Seelsorger, Denker und Aktivist, Lehrer und Inspirator: mit diesen Kategorien lässt sich das breite Spektrum von P. Paulus Engelhardt OP skizzieren. Facettenreich und bunt, dynamisch und spannungsvoll verlief sein Leben. Beweglich, intelligent, streitbar und am Puls der Zeit - so haben viele Menschen P. Paulus erlebt. Bis heute bewahrt er sich einen erstaunlichen Aktionsradius, lässt es sich nicht nehmen, an Tagungen, Treffen, Kreisen teilzunehmen.
Von seinen 90 Lebensjahren verbrachte er mehr als 70 Jahre im Dominikanerorden. Er ist der einzige noch lebende Dominikaner der Teutonia, der noch vor dem II. Weltkrieg eingetreten ist. So verkörpert er die wechselhafte Geschichte unserer Ordensprovinz in der Nachkriegszeit.
P. Paulus hat sich auf verschiedenen Ebenen und in teils exponierten Positionen an der Gestaltung dieser Geschichte beteiligt: Nach seiner Promotion in Freiburg im Jahre 1953 wurde er Dozent für Philosophie an unserer Hochschule in Walberberg. 1957 übernahm er die Hauptschriftleitung der Deutschen Thomas-Ausgabe. Seit den 1950er Jahren betreute er die Walberberger Studien. Von 1963 bis 1967 hatte er das schwierige Amt des Studentenmagisters inne. 1973 wurde ihm die Schriftleitung unserer Zeitschrift Wort und Antwort übertragen. Nach der Schließung der Dominikaner-Hochschule in Walberberg 1974 nahm P. Paulus eine Reihe von Lehraufträgen an verschiedenen staatlichen Hochschulen wahr. Wegen seines Einsatzes und seiner Kompetenz erhielt er in Münster den Titel eines Honorarprofessors.
Ein roter Faden seiner wissenschaftlichen Laufbahn ist die Beschäftigung mit Thomas von Aquin, Über ihn handelte bereits seine Lektoratsthese, ihm hat er eine beachtliche Zahl von Veröffentlichungen gewidmet. Seine Kompetenz als Thomas-Interpret fand seitens des Ordens Anerkennung in der Promotion zum Magister in Sacra Theologia (1966), in der Berufung zum wissenschaftlichen Beirat des Istituto San Tommaso in Rom, in der Teilnahme an vielen internationalen Thomas-Kongressen und Symposien.
P. Paulus als Hochschullehrer, als Wissenschaftler, als Autor, als Herausgeber - dies ist die eine Seite seines Wirkens. Die andere ist seine Einmischung in aktuelle politische und kirchliche Diskussionen. Ein Grundanliegen von P. Paulus war es, den wissenschaftlichen Diskurs für die gesellschaftliche, kirchliche und persönliche Lebenspraxis fruchtbar zu machen. Vor dem Hintergrund seines Schwerpunkts in praktischer Philosophie äußerte er sich zu Fragen der Menschenrechte, zur Neutronenbombe, zum Zivildienst und zur Gewissensprüfung. Er ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (1968); er engagierte sich bei „Pax Christi“ und in der Friedensbewegung; er nahm regen Anteil am christlich-jüdischen Dialog; er hatte zahlreiche ökumenische Kontakte. Für viele Menschen war er in den politischen und kirchlichen Auseinandersetzungen der 1960er und 1970er Jahre ein ermutigender Wegbegleiter, in dem die prophetische Dimension des Ordens lebendig war.
Seine Positionierung in sensiblen öffentlichen Bereichen führte zu manchen Konflikten - im Orden und in der Kirche. P. Paulus ist zwar ein Mensch, der sich intensiv um die Vermittlung von kontroversen Standpunkten bemüht und es darin zu einer hohen Kunstfertigkeit gebracht hat, doch als Kehrseite musste er erfahren, dass er sich bisweilen zwischen alle Stühle setzte und dementsprechend Widerspruch hervorrief.
Damit komme ich abschließend zu einem Kennzeichen des Menschen und Priesters Paulus Engelhardt: Sein Herz schlägt auf der Seite der Mühseligen und Beladenen, der Menschen am Rande der Gesellschaft, der Außenseiter und Verlierer, der Armen und Unterdrückten. Für sie legt er sein Wort ein, für sie müht er sich um unterstützende Maßnahmen.
Seinen 90. Geburtstag zu feiern, heißt, zurückzuschauen auf ein Leben, in dem Theologie und Philosophie, geschichtliches Wissen und aktuelles Handeln, kirchliche Bindung und gesellschaftliches Engagement, Seelsorge und Politik, Wissenschaft und Ethik, Denken und persönliche Zuwendung eine enge, wechselseitige Beziehung eingegangen sind. Ich danke dem Jubilar für seinen vielseitigen Einsatz und wünsche ihm, dass die Kommentierung des Hoffnungstraktats des hl. Thomas, der er sich als „Alterswerk“ widmet, ihn selbst in lebendiger froher Zuversicht erhält.

Dr. Johannes Bunnenberg OP, Provinzial der Dominikanerprovinz Teutonia

Bild: Paulus Engelhardt OP im Dialog mit Jean Grondin, (Foto: Bernd Schnitter OPL, Hamburg)

 


Editoral

 

Seit 51 Jahren ist P. Paulus Engelhardt OP für Wort und Antwort tätig: Autor seit dem i. Jahrgang 1960, Jahrzehnte in der Schriftleitung, 24 Jahre davon an hauptverantwortlicher Stelle. Als zum 4. Mai 1991 zu seinem 70. Geburtstag eine Festschrift für ihn erschien, hätten wir nicht zu hoffen gewagt, dass 20 Jahre später wieder die Möglichkeit einer Festgabe bestünde. Nun ist es soweit. Wir freuen uns, dem Jubilar im Rahmen eines seiner persönlichen Herzensanliegen - der Zeitschrift Wort und Antwort - eine Sammlung von Beiträgen zukommen zu lassen, die von einigen seiner zahlreichen Freunde erstellt wurden. Wir haben die Autoren gebeten, verschiedene Aspekte aus dem Leben von Paulus Engelhardt zu berücksichtigen.
Klaus Kiesow setzt sich mit dem Verhältnis des Jubilars zur Bibel auseinander. Paulus Engelhardt, der nach seiner eigenen Aussage eigentlich für eine Qualifikation im Fach Altes Testament vorgesehen war, musste auf Drängen seiner Oberen dann doch die Disziplin wechseln: am Ende promovierte er in Philosophie. Dennoch sind ihm Studium und Vermittlung der Heiligen Schrift immer ein bevorzugtes Anliegen geblieben.
Otto Hermann Pesch bezieht sich in seinem Beitrag, auf eine der wichtigsten Aufgaben von Paulus Engelhardt, die Betreuung der Deutschen Thomas-Ausgabe, d. h. der kommentierten Übersetzung der Summa theologiae des Thomas von Aquin. Nicht zuletzt aufgrund dieser Aktivität wurde Paulus Engelhardt zu einem der bedeutendsten Thomas-Experten im deutschsprachigen Raum. Deshalb verweisen auch Christian Bauer und Henryk Anzulewicz auf eben diese Beziehung Engelhardts zum Aquinaten. In diesen Zusammenhang gehört auch die Erinnerung von Gonsalv K. Mainberger an die Philosophlsch-Theologische Arbeitsgemeinschaft Walberberg, die von Paulus Engelhardt ursprünglich als ein Instrument einer kontextuell eingebetteten dialogischen Thomas-Lektüre begründet und später dann zu einer interdisziplinären wissenschaftlichen Werkwoche weiterentwickelt wurde.
Paulus Engelhardt verstand und versteht sich als ein „kritischer“ Dominikaner, d. h. er ist zum einen loyal gegenüber der Kirche und dem Lehramt, zum anderen aber durchaus klar in seiner Position gegenüber ihm fragwürdig erscheinender Tendenzen und Strömungen. Heinz-Günther Stobbe skizziert die Präsenz des Jubilars in der Friedensarbeit. Diethard Zils OP schließlich erinnert an die in vielerlei Hinsicht alternative Gemeinschaft der Dominikaner in Bottrop, zu der Paulus Engelhardt nach vielen Jahren der Lehrtätigkeit in Walberberg und Bonn gestoßen war und ihr eine große intellektuelle und spirituelle Stütze war. Wir freuen uns, dass Paulus Engelhardt OP in diesem Heft auch selbst zu Wort kommt. In einem für Wort und Antwort verfassten, bis dato aber unveröffentlichten Text beschreibt er eine recht „spezielle“ Dominikanische Gestalt: seinen Lehrer und Mitbruder, den Alttestamentler Angelicus Kropp OP. Heute lebt Paulus Engelhardt im Düsseldorfer Dominikanerkonvent und ist nach wie vor engagiert in Fragen der Zeit. Und nach wie vor schätzt die Schriftleitung seine Expertise bei den Vorbereitungen der Ausgaben „seiner“ Zeitschrift Wort und Antwort. Dafür danken wir ihm mit diesem Heft von ganzem Herzen!

Thomas Eggensperger OP/Ulrich Engel OP für die Schriftleitung von Wort und Antwort