Treffpunkt Kirche bereichert die Altstadt

RP vom 28.05.2010 - Serie Düseldorfer Geschichten

 

Die Offene Kirche St. Andreas gehört wie selbstverständlich zu den Angeboten in der Altstadt. Seit die Dominikaner vor 20 Jahren dieses Projekt starteten, ist die Kirche Anziehungspunkt geworden: Neugierige Passanten schauen hinein, Touristen studieren die barocke Architektur, Gläubige kommen zu den Predigten oder zu einem stillen Gebet. Die Dominikaner greifen die Wünsche der Menschen auf.

 

VON MICHAEL BROCKERHOFF

 

Das tägliche Geläut zur Mittagszeit gehört längst zum gewohnten Leben in der Altstadt. Manche nehmen es schon nicht mehr bewusst wahr, wenn pünktlich um 11.45 Uhr die Glocken auf den Mittagsgottesdienst in der Andreaskirche aufmerksam machen. Andere sind abgelenkt durch den Vormittagsbetrieb im Vergnügungsviertel. Für Verkäufer der Obdachlosenzeitung fiftyfifty sind die Glocken ein Signal, sich an den Kirchenportalen einzufinden. Sie hoffen, dass ihnen der eine oder andere der Kirchenbesucher, die sich nach und nach zur hl. Messe einfinden, ein Exemplar abnimmt. Die Chance ist nicht schlecht, denn etwa 50 bis 60 Gläubige kommen täglich zum Mittagsgottesdienst.
Mit dieser Resonanz hatten die Dominikanerpatres nicht gerechnet, als sie die Frühmesse, die nur noch von etwa fünf unentwegten Düsseldorfern besucht wurde, auf den Mittag verlegten. Die Überlegung hinter der Veränderung: Am Morgen vor Arbeits- und Schulbeginn steht den Menschen nicht der Kopf nach Besinnung oder Gebet, in der Mittagszeit aber könnte ein Gottesdienst als Atempause, als Auszeit von der Arbeit genutzt werden. „Wir überlegen an den Wünschen und Vorstellungen der Menschen entlang, wo wir als Seelsorger nötig sind, und betreiben keine pastorale Museumspflege von festgefügten kirchlichen Traditionen“, umreißt Pater Manfred das grundsätzliche Prinzip, nach dem die Dominikaner in Düsseldorf handeln. Es ist die Grundlage für das Projekt „St. Andreas - Offene Kirche der Dominikaner“, das der Orden vor 20 Jahren im Mai 1991 startete.
Es hat sich zu einem Erfolgsmodell der City-Seelsorge entwickelt. Neben den Gottesdiensten sind die regelmäßigen Führungen durch die barocke ehemalige Hofkirche der kurfürstlichen Residenzstadt, sind die Konzerte „Sonntagsorgel“, sind die Gesprächsmöglichkeiten mit einem Team in der offenen Andreaskirche an fünf Nachmittagen der Woche oder besonders gestaltete Nächte in der Kirche wie die „Nacht der Liebenden“ oder die „Nacht der Museen“ aus der Altstadt nicht mehr wegzudenken. Ein Garant des Erfolgs ist die Gelassenheit, mit denen sich die Ordensmänner dem Projekt widmen. „Wir beobachten, was Menschen nötig haben, wir schauen darauf, was wir leisten können und welche Fähigkeiten wir zu bieten haben, aber wir setzen uns nicht unter Druck, um hochgesteckte Ziele zu erreichen“, sagt Pater Manuel, der derzeitige Prior des Düsseldorfer Konvents.
Bei der Projektgründung standen die Düsseldorfer Dominikaner allerdings unter Druck. Denn die Ordensprovinz beabsichtigte Ende der 1980er Jahre, den Düsseldorfer Konvent trotz seiner langen Geschichte aufzulösen. „Pfarrarbeit rund um die schöne Barockkirche reicht nicht aus für einen Orden, in der Seelsorge müssen besondere Akzente gesetzt werden, hieß es damals“, erinnert sich Pater Wolfgang. Selbst ehemalige Mitglieder des Düsseldorfer Konventes arbeiteten auf eine Schließung hin, weiß Pater Elias, der Historiker und Archivar des Konventes, aus Berichten und Protokollen des Klosters.
Unter diesem Zwang zum Handeln wurde die Idee geboren, in der City-Seelsorge Düsseldorfs neue Entwicklungen aufzunehmen. „Eine neue Welle der Pastoral rollte damals durch Westeuropa. Offene Kirchen, die sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen einstellten, gab es an vielen Orten Frankreichs, auch in Frankfurt und auch in Köln“, sagt Pater Manfred. Und die Welle schwappte dann auch nach Düsseldorf, weil drei junge Patres, unter ihnen Pater Wolfgang, eine Chance sahen, Düsseldorf damit voranzubringen. Der Konvent stimmte ihren Ideen zu. „Auch die Ordensprovinz war überzeugt, dass die Offene Kirche das Richtige ist“, erinnert sich Pater Wolfgang. Das Düsseldorfer Dominikanerkloster war gerettet. Die Konzepte aus den anderen Städten wurden aber nicht deckungsgleich übernommen, sondern an die Gegebenheiten der Landeshauptstadt angepasst.

Die Altstadt macht den Charme der Seelsorge aus
Beim Punkt Null brauchten die Dominikaner jedoch nicht zu beginnen. „Sie waren in Düsseldorf bekannt und beliebt, allein zu den Predigten in den vier Sonntagsgottesdiensten kamen die Menschen aus allen Teilen der Stadt“, sagt Pater Elias. Auch die Fortbildungsveranstaltungen des Bildungswerks hatten einen guten Ruf und wurden gut besucht. Auf diesem Fundament konnte das Projekt Offene Kirche gut aufgebaut werden.
Dabei machten die Dominikaner neue Erfahrungen: „Der Charme des Projektes ist der Bezug der Seelsorge zum Ort in der Altstadt sowie zur Stadt und ihrer Geschichte“, erklärt Pater Wolfgang. Dazu gehörte auch die Entdeckung der Stadtgeschichte, in der die Andreaskirche eine zentrale Rolle spielt. Denn zur Zeit Jan Wellems war sie die Hofkirche der Pfalzgrafen, wurde von ihnen zu repräsentativen Zwecken prächtig ausgestaltet. Die Fürstenloge neben dem Altar, in dem die Mitglieder des Hofes die Gottesdienste verfolgten, ist ebenso ein Beispiel wie die silbernen Statuen, die den Hochaltar schmücken und die Jan Weilern als Dank für einen guten Ausgang einer Belagerung Düsseldorfs während des spanischen Erbfolgekriegs gespendet hatte. Und Jan Weilern ist zusammen mit anderen Mitgliedern der Herrscherfamilie in einem Mausoleum hinter dem Altar bestattet. „Viele Düsseldorfer wissen das nicht und sind erstaunt, wenn sie diesen Raum betreten“, berichtet Pater Wolfgang.
Bei der Besichtigung, die die Dominikaner regelmäßig am ersten Mittwoch im Monat ermöglichen, wird Geschichte greifbar und lebendig. Die Dominikaner sehen sich in diesem Punkt als Wächter des historischen Erbes und „geben auch wichtige Impulse als Ideengeber. Wir haben uns dafür eingesetzt, den 350. Jahrestag der Geburt des Kurfürsten 2008 mit einem Jan-Wellem-Jahr zu feiern“, sagt Pater Wolfgang.
Die Möglichkeit, in der Andreaskirche Stadtgeschichte zu zeigen, bot sich den Dominikanern unverhofft. Sie hatten keinen Fachmann für Stadtgeschichte in ihren Reihen, wurden aber in der Gründungszeit der Offenen Kirche zufällig auf dieses Thema angesprochen. Die kunst- und geschichtsinteressierte Düsseldorferin Christel Boisseree hatte die Idee, die Schätze der Andreaskirche zu präsentieren. Sie war Mitglied in einem Team, „das für ehrenamtliche Mitarbeit im Stadtmuseum viel gelernt hat. Aber unsere Hilfe war dort nicht mehr gefragt“, erzählt sie. Bei einem Spaziergang durch die Altstadt sei im Vorbeigehen an der Andreaskirche der Gedanke gekommen, dort Stadtgeschichte deutlich zu machen. Nach einer Bedenkzeit nahmen die Dominikaner das Angebot gerne an. In den 20 Jahren der Offenen Kirche fanden die monatlichen Führungen durch das sechsköpfige ehrenamtliche Team stets Anklang. „Die Besucher haben immer viele Fragen zu den Kunstwerken, zur Geschichte oder zu den Gestaltungsprinzipien des Gotteshauses, das eine Kirche der Gegenreformation ist“, berichtet Boisserée. Höhepunkt der Führung sei für viele der Besuch des Mausoleums. „Dass dort der Sarkophag von Jan Weilern steht, ist den meisten nicht bewusst“, so Boisserée.
Und aus dem Engagement für die Stadtgeschichte heraus setzt sich der Düsseldorfer Konvent auch für die Pflege der denkmalgeschützten Kirche ein. So wurde das Mausoleum saniert: Die Sarkophage wurden restauriert, die Wände neu gestaltet. Die geschlossene Türe wich einer Gittertür, die Einblicke ermöglicht. Für die wertvollen Kunstschätze wurden Vitrinen beschafft, damit Statuen im Altarraum sowie Kelche, Monstranzen und andere Schmuckstücke auf den Emporen, die als Schauräume gestaltet sind, gezeigt werden können. Auch hier hatten die Dominikaner fachkundige Hilfe. Die Kunsthistorikerin Inge Zacher betreute die Arbeiten.
Allein mit Kunst kann die Offene Kirche aber nicht punkten. „Besucher erwarten auch theologische Kompetenz oder einfach die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen und über Gott und die Welt zu reden“ , betont Pater Manuel. Auf diese Erwartung einzugehen, sei das Herzstück der Offenen Kirche. Die Seelsorger des Konvents allein können aber diese Erwartung nicht erfüllen, sie haben Hilfe durch einen Empfangskreis mit etwa 40 Mitarbeitern. Die stehen abwechselnd mit einem Pater an fünf Nachmittagen in der Woche - von Mittwoch bis Sonntag - in der Kirche als Ansprechpartner bereit. Die Themen sind breit gefächert. „Manche fragen nach der religiösen Bedeutung der Statuen oder Bilder, andere wollen unverbindlich reden, manche suchen auch gezielt eine persönliche Beratung“, berichtet Pater Manuel. Dafür können sich die Gesprächspartner in ruhige Räume zurückziehen.
Kirche muss ein Ort für jeden Menschen sein
Um den Passanten zu signalisieren, dass sie willkommen sind, steht das Hauptportal der Andreaskirche immer offen. Für diesen Zweck wurde es sogar umgebaut und bekam einen gläsernen Windfang, damit es in der Kirche nicht zieht. „Dieses Symbol ist wichtig, aber Offene Kirche bedeutet nicht, einfach ein Gebäude zu öffnen, sondern die Kirche muss offen und einladend für alle Menschen sein, muss auf sie zugehen“, sagt Pater Manuel.
Das macht die Arbeit in der Offenen Kirche vielfältig und abwechslungsreich. Denn die Dominikaner erfahren von verschiedenen Lebensweisen und -umständen. Und ziehen daraus auch Konsequenzen, entwickeln neue Formen von Veranstaltungen. Beispielsweise die Nacht der Liebenden zum Valentinstag. Die Andreaskirche verwandelt sich dann in einen Parcours mit verschiedenen Stationen, an denen die Besucher Impulse zum Nachdenken über die Macht der Liebe oder über Beziehungen bekommen. Sie können einen Liebesbrief schreiben, sich verbünden oder versöhnen, Wachstum und Vertiefung erleben, Trauer und Sehnsucht in Weihrauch aufgehen lassen oder eine „Kerze der Liebe“ anzünden. Auf diese Weise wollen die Dominikaner auch die Menschen ansprechen, die keine klassischen Kirchgänger sind. Solche Experimente bergen auch ein Risiko, „weil wir nicht wissen, ob sie ankommen“, sagt Pater Wolfgang. Aber die Dominikaner fühlen sich auch nicht unter Erfolgsdruck, sondern sind bereit, immer wieder neue Dinge anzupacken.
„Wir betreuen nicht nur die Andreaskirche, sondern kümmern uns um Notleidende, haben die Armenküche gegründet oder sind in der Gefängnisseelsorge aktiv“, berichtet Pater Wolfgang. Denn auch das gehöre zu Düsseldorf. Die Dominikaner wollen dabei die Notleidenden unterstützen und ihnen Platz in der Stadt lassen. Als die Stadtverwaltung vor Jahren Bettler, Obdachlose und Drogenabhängige vom Platz vor der Andreaskirche vertreiben wollte, weil sie das Stadtbild störten, erhoben die Patres Einspruch und machten ihr Hausrecht geltend. Auf dem Kirchengrundstück vor dem Gotteshaus durften die Beamten nicht einschreiten.
Hinter diesem Einsatz steht keine Sozialromantik. „Die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft, die rund um die Offene Kirche anzutreffen sind, verbinden sich nicht zu einer Einheit“, schätzt Pater Manuel die Lage kritisch ein. Aber ein Miteinander könne von einzelnen akzeptiert werden aus dem Bewusstsein heraus, dass eine Kirche ein Ort für jeden sein müsse. Einschließlich der Dominikaner, die für sich selbst eine wichtige persönliche Aufgabe in der Offenen Kirche erkannt haben. „Wir müssen als Ordensmänner präsent sein und der Kirche im Lebensraum City ein Gesicht geben“, nennt Pater Manuel eine Erkenntnis, die der Konvent bei der Bilanz des 20-jährigen Bestehens des Projektes hatte.

Deshalb dient der Jahrestag weniger dem Jubel über Erreichtes, sondern ist Ansporn für eine Weiterentwicklung. Die Patres setzen dabei auch auf die Tradition des Predigerordens und wollen religiöse, soziale und politische Themen schärfer zuspitzen. „Neben den Predigten wollen wir zum Meinungsaustausch mit Fachleuten einladen“, beschreibt Pater Manfred die Ziele des Meister-Eckhart-Forums, eine Fortentwicklung des Dominikanischen Bildungswerkes, durch die ein breites und jüngeres Publikum gewonnen werden soll.
Aus der Erfahrung heraus, in der Stadt mit ihren vielen Angeboten ein gutes Marketing mit eingängigen Thesen nötig ist, haben sie ihre Arbeit mit drei Schlagworten umschrieben: Glauben leben, Wissen teilen, Leben begleiten. Banner mit diesen Themen kennzeichnen pünktlich zum Jubiläum die Fassade des Klosters. „Wir wollen mit dieser Werbung das Kloster bekannter machen und zeigen, dass Offene Kirche von der Präsenz des Ordens lebt“, erklärt Pater Manuel. Gut vorstellbar, dass die Werbung für die Offene Kirche einmal so selbstverständlich wird wie das Mittagsläuten der Andreaskirche.

 

 

Bildunterschriften
Großes Bild: Zur offenen Atmosphäre der Andreaskirche tragen die Gespräche bei, für die sich Dominikanerpater Manuel oder seine Ordensbrüder an fünf Nachmittagen in der Woche Zeit nehmen. RP-FOTOS: ANDREAS BRETZ
Keines Bild 1: Die programmatischen Schlagworte auf den Bannern machen auf das Kloster gegenüber der Andreaskirche aufmerksam.
Kleines Bild 2: Sie gestalten das Programm der Offenen Kirche mit: Die Patres (v.l.) Manfred, Elias, Wolfgang und Manuel sowie Christel Boisserée.

 

 


INFO
Die Feiern
Der 20. Jahrestag des Projektes Offene Kirche wird morgen gefeiert. Das Fest wird mit einer hl. Messe um 11 Uhr eröffnet, der Chor des Görresgymnasiums übernimmt die musikalische Gestaltung. Um 12 Uhr schließt sich ein Straßenfest vor der Andreaskirche an. Das Meister-Eckhart-Forum befasst sich in drei Gesprächsrunden mit der City-Pastoral. In der ersten geht es am Donnerstag, 9. Juni, ab 19 Uhr im Dominikanerkloster um Thema „Orte der Kirchen: die Menschen“.