Innehalten im Großstadt-Trubel

NRZ vom 03.04.2010


 

 

Innehalten im Großstadt-Trubel

Evangelische und katholische Kirche luden gemeinsam zum Kreuzweg ein: Rund 500 Menschen gingen mit
Pamela Broszat

 

„Nun ziehen wir die Straßen die unser Herr gegangen, verraten und gefangen“ singen einige der versammelten Männer und Frauen im Franziskanerkloster. Es ist Karfreitag 12 Uhr. Sie wollen die fünf Stationen des ökumenischen Kreuzwegs zusammen gehen. 300 sind zu der ersten Station an der Immermannstraße gekommen. Drinnen wird, bevor es los geht das Lied, von Oskar Gottlieb Blarr, eingeübt.

Wundersame Vermehrung
Das Prozessionskreuz ist zuvor aus der St. Lambertuskirche herüber gefahren worden. Ganz profan mit dem Auto, sagt Stadtdechant Rolf Steinhäuser. Bis es wieder an seinem Platz ist, wird es in der Johanneskirche, Neanderkirche und Andreaskirche Station machen. Es wird sich als schwierig erweisen, den Passionsweg mit Spiritualität zu gehen. An der Trinkausstraße protzt jemand mit seinem leistungsstarken Motor, vor der Neanderkirche riecht es nach Frittenfett, an den Stehtischen der Bolker Straße wird Bier serviert.
Schon auf dem Weg zur Johanneskirche findet eine wundersame Vermehrung statt. Die Menge wächst auf 500 Menschen an. Vor der Kirche hält ein älterer Herr einen Flyer hoch. Er verweist auf eine Ausstellung in Velbert zu dem Thema Gericht und NS-Zeit. Die meisten ziehen schweigend an dem Mann vorbei. Doch der hat ein lautes Anliegen: Die Kreuze gehörten in das Gericht. Es ginge nicht, dass das eine Gerichtspräsidentin entscheiden könne, zumal ja auch so viele Ausländer straffällig seien, empört er sich. Offenbar glaubt er an ein Monopol von deutscher Staatsbürgerschaft und rechten Glauben.
Eine andere Beziehung zum Kreuz hat Henriette Ingerfurth. Die Künstlerin sammelt am Rhein Treibholz und baut daraus Kreuze. Eins hat sie mitgebracht. Die Bretter hat sie golden und silbrig gestrichen. Es erinnert so statt der Leiden Christi stärker an die lebensejahende, österliche Botschaft. Ingenfurth ist evangelisch, ihr Gatte katholisch, darum ist dem Ehepaar diese ökumenische Aktion willkommen. Als Befürworterin der Ökumene spricht sich auch eine ältere Dame aus. Gefragt, warum sie an dieser Prozession teilnehme, rollt ihr eine Träne über die Wange. Sie müsse doch in diesen Zeiten zu ihrer Kirche stehen, sagt sie, und zeigt sich erschüttert über die Sprachlosigkeit der Kirche in den Missbrauchsfällen. „Aber es kommt alles ans Licht“, lautet ihr Trost.

Foto: In der Kirche St. Andreas, der vierten Station des Kreuzwegs, trägt Pfarrer Dirk Holthaus (rechts) das Kreuz.        Foto: Uwe Schaffmeister