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Zum Abschluss des Jonges-Jahres: Weihnachtsfeier mit Ansprache von Pater Sieffert
„Die Seele fliegt über Kitsch und Kommerz hinweg“
Die Deutschen möchten sich zugute halten, sie hätten das Weihnachtsfest am innigsten bewahrt, am wenigsten verkitscht und kommerzialisiert? Ja, manche hoffen das. Dominikanerpater Wolfgang Sieffert hängte ein Fragezeichen dran. Und gab hintergründigen Einblick in die Geschichte des Brauchtums, das sich ursprünglich auf Jesu Geburt beruft. Mit Siefferts Vortrag, einem Kunststück aus Wissen, Pointen, sprachlicher Eleganz und populärer Verständlichkeit, feierten die Düsseldorfer Jonges am 22. Dezember ihren Abschied vom Jahre 2009. Weihnachtslieder dazu wurden unterm geschmückten Tannenbaum gesungen vom Polizei-Chor Düsseldorf.
Sieffert, auch als Gefängnisseelsorger in der Ulmer Höh' tätig, begann fast kabarettistisch. Dass die Türkei nicht in die Europäische Union gehöre, liege laut manchem Widersacher schon daran, dass die Türken angeblich von Weihnachten nichts verstünden. Er fragte, ob die EU-Politik eine „Weihnachts-Tauglichkeitsprüfung“ in ihre Kriterien einfügen wolle. Dann sei die Türkei allerdings bestens qualifiziert: „Dort sind die Kaufhäuser zur Weihnachtszeit genauso verkitscht wie bei uns.“ Sodann schob Sieffert die Selbstkritik nach, er wolle jetzt keine blöden Witze mehr machen, sondern sich ernsthaft der Frage widmen, was denn überhaupt der Sinn des Datums sei.
Aber nun hatte er sich warmgelaufen und setzte zum Weitsprung an: „Nirgendwo ist die bürgerliche Gesellschaft lustvoller zu entlarven als beim Weihnachtsfest. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts zieht sich eine Spur unbarmherziger Kritik durch die deutsche Literatur.“ Das Fest wird von besten Dichtern als Farce und Fassade enttarnt. Dennoch hat es eine „Unzerstörbarkeit“ bewahrt. Sieffert: „Warum lebt dieses Fest trotz aller Verflachung?“
Die Kirche, die sich heute über die Kommerzialisierung empören mag, ist an dieser maßgeblich mit schuld. Sieffert erinnerte an das Jahr 1517. Damals wetterte schon Papst Leo X. über die Weihnachtsmärkte. Aber er brauchte Geld für den Bau des Petersdoms. So reiste eine Delegation unter Leitung des deutschen Bankiers Jakob Fugger, der damals der reichste Mann Europas war, nach Rom. Als Gegenleistung dafür, dass er dem Papst finanziell unter die Arme griff, soll er verlangt haben, dass dieser dem freien Handel nicht mehr reinreden dürfe. So geschah es. Ein Papst also, so könnte man zugespitzt sagen, hat das aller-christlichste Fest an den Kapitalismus verkauft. Wie kann man dies heute mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbinden?
Dazu zeigt Sieffert eine heitere Gelassenheit: „Nehmt alles so, wie ihr es braucht.“ Er weiß: „Gott drängt sich nicht auf. Aber er ist da als die Befreiung aus dem Nichts.“ Die Hoffnung ist, dass Weihnachten den Himmel und die Welt wieder zusammenführen könne. Zuletzt zitierte er das romantische Gedicht „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff: „Und meine Seele spannte /Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, /Als flöge sie nach Haus.“ Sieffert rief den Jonges zu: „Lasst es zu, dass der Himmel die Erde küsst - und lasst die Seele fliegen.“
Große Freude des Paters über eine Spende der Jonges von 500 Euro für die Armenküche.
Text und Foto sch-r; Tor 1/2010
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