Von Tours über Trier ins Rheinland

Kirchenzeitung Köln vom 12.6.2009


 

Von Tours über Trier ins Rheinland

Karolingische Bibelfragmente in der Bibliothek St. Albert / Schätze der Diözesan- und Dombibliothek (10)

 

KÖLN. Noch bevor das Dominikanerkloster von Walberberg Ende 2007 aufgehoben wurde, hatte man sich darauf verständigt, seine umfangreiche Bibliothek als Depositum in der Diözesan- und Dombibliothek unterzubringen. Die 165 000 Bände umfassende Bibliothek St. Albert war erst 1926 gegründet worden, als die Dominikaner ihr Studienhaus von Düsseldorf nach Walberberg verlegten. Sie enthält vor allem theologische und philosophische Fachliteratur mit einem Schwerpunkt auf den Autoren des Ordens sowie den für ihn wichtigen seelsorglichen und homiletischen Themen.
Von besonderer historischer Bedeutung ist die etwa 300 Drucke umfassende Inkunabelsammlung, die überwiegend aus den aufgelösten Klöstern Wesel und Marienheide stammt und viele Frühdrucke von Werken der Heiligen Albertus Magnus und Thomas von Aquin enthält. Auch bei den etwa 200 Handschriften überwiegen hoch- und spätmittelalterliche Codices. Das älteste Manuskript ist jedoch nur fragmentarisch erhalten - es handelt sich um lediglich drei Blätter einer so genannten touronischen Vollbibel. Karl der Große bemühte sich in seinem großen fränkisch-römischen Reich um Vereinheitlichung auf zahlreichen Gebieten. Auch die in den neugegründeten Klosterschulen benötigten Texte sollten von gleichem Inhalt, gut lesbar und grammatikalisch korrekt sein. So entstanden Zentren der Buchproduktion wie etwa im Martinskloster von Tours, wo man sich auf Betreiben Abt Alkuins besonders der Bibel annahm. Die großformatigen Pandekten, von denen heute noch etwa 50 erhalten sind (einer davon gehört zur Dombibliothek), umfassten Altes und Neues Testament in einem Band. Obwohl immer mehrere Schreiber an einer Bibelhandschrift arbeiteten, zeichnen diese sich durch große Einheitlichkeit in Aufbau und künstlerischer Ausstattung aus. Selbst die zu verwendenden Schriften waren bis ins Detail festgelegt, von der Capitalis quadrata für die Titel bis zur Minuskel für den eigentlichen Text.
Von den drei Walberberger Blättern enthält eines den Prolog zu den katholischen Briefen und den Beginn des Jakobus-Briefes, zwei bieten Abschnitte aus der Apostelgeschichte. Künstlerisch stehen die Blätter einer unter Abt Vivian von Tourc (844-851) entstandenen Bibel nahe. Zusammen mit zahlreichen anderen Einzelblättern, die über die ganze Welt verstreut sind, gehören sie zu einer touronischen Bibel, die einst den Mönchen von St. Maximin in Trier zur Verfügung stand und dort offenbar zum Vorbild für die eigene Buchkunst wurde.
HARALD HORST