Stadt leitet Streetwork

WZ vom 05.05.2008

 


 

Aus: WZ vom 23.10.2008

Von Anika Lukei
Eigentlich wirkt Nicole (26) wie eine normale junge Frau. Sie ist auf der Suche nach einer Wohnung und nach einer Lehrstelle. Doch Nicole hat bereits zwei Mal in der JVA Dinslaken eingesessen. Der Grund: Die Düsseldorferin wurde beim Schwarzfahren erwischt, konnte das erhöhte Beförderungsentgelt von 40 Euro nicht zahlen und wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Die konnte sie auch nicht zahlen. Und so wurde aus der Geld- eine Haftstrafe. „Ich bin aber auf Busse und Bahnen angewiesen, um beispielsweise zu Vorstellungsgesprächen zu fahren“, sagt Nicole.
Dominikanerpater Wolfgang Siffert kennt diese Probleme. Er ist im Initiativkreis Armut in Düsseldorf aktiv und als Gefängnisseelsorger tätig. „Ich kenne über hundert Leute, die wegen Fahrens ohne Ticket in den Knast gegangen sind.“ Das sei völlig unverhältnismäßig. Denn alleine die Kosten für Strafverfahren und Haft würden die eigentlichen Strafen übersteigen.
Die Lösung des Problems könne nur ein Sozialticket für Arme sein. Schon seit zehn Jahren setzt sich der Inititativkreis Armut für ein solches Monatsticket sein. Doch jetzt wollen die Mitglieder ernst machen. Die Daten einer im Sommer durchgeführten Befragung von 681 armen Menschen soll dem Stadtrat die Dringlichkeit verdeutlichen.
So Fahren laut der Studie 45,5 Prozent der Befragten selten bis oft ohne Fahrschein. 39,2 Prozent seien wegen „Schwarzfahrens“ verurteilt. Und 92,5 Prozent würden ein Ticket kaufen, wenn es 15 Euro kosten würde. Holger Kirchhöfer vom Initiativkreis Armut: „Dortmund hat bereits ein solches Ticket. Daran sollte sich Düsseldorf ein Beispiel nehmen“.


 

NRZ vom 23.10.2008

Die Armen - zu teuer für die Stadt

SOZIALES. Initiativkreis fordert erneut ein ermäßigtes Ticket für Arbeitslose. Aber CDU/FDP bleiben bei ihrer Ablehnung.

Jo Achim Geschke
Pater Wolfgang Sieffert redet Klartext: „Mein dringender Appell geht an alle im Rat, die noch ein humanes Gewissen haben, denn wir brauchen das Sozialticket jetzt sofort. Es ist ein ethischer Skandal, dass da nichts passiert“. Dominikaner-Pater Sieffert von der Armenküche ist mit der Diakonie und dem Magazin fiftyfifty Teil des Initiativkreis' Armut, der gestern vehement ein Sozialticket für Armen und Bedürftige nach Dortmunder Modell forderte.
Wie dort soll es 15 Euro für Bezieher von Arbeitslosengeld II (AlgII, auch Hartz IV) oder Grundsicherung kosten, erläutert Holger Kirchhöfer vom Inititaivkreis. In Dortmund wird es bereits von rund 11 000 Menschen genutzt, so Kirchhöfer. Kosten als Zuschuss zum Verkehrsbetrieb: rund drei Millionen Euro im Jahr.
Nicole würde sofort ein billiges Ticket kaufen. Sie ist 26, hat zwei kleine Töchter, lebt von Hartz IV. Sie fuhr schwarz, ist etliche Male erwischt worden, konnte aber die Geldstrafe nicht zahlen - und saß deshalb 60 Tage im Gefängnis.

Billiger für die eigenen Angestellten
„Ein Skandal“, sagt Pater Sieffert, der auch als Gefängnispfarrer arbeitet, „wer arm ist, musss zum Arzt, zur Bewerbung für einen Job fahren, zur Arge oder zur Agentur für Arbeit. Doch bei Hartz IV mit 351 Euro im Monat ist das Geld meist vor Monatsende weg. Aber ein Tag Knast wegen Schwarzfahrens kostet den Steuerzahler mehr als 100 Euro, plus Kosten für Richter, Polizisten, Gefängnispersonal“. In der Ulmer Höh' saßen rund 100 Gefangene wegen Schwarzfahrens.
Christian Arnold von der Wohnungslosenhilfe der Diakonie ergänzt: „Angestellte, auch die im Sozialamt, bekommen ein Firmenticket für rund 30 Euro - die fahren oft billiger als die Hartz IV-Bezieher.“
Grüne und SPD wollen das Sozialticket im November im Rat beantragen. Aber es hat bei der CDU / FDP-Mehrheit keine Chancen: Andreas Hartnigk (CDU) und Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) lehnen es als zu teuer ab, die Kosten lägen bei 11 600 Kunden, das sind ein Viertel der Alg II-Bezieher, bei über drei Millionen Euro.


 

Express vom 23.10.2008

Armenküchen – Ansturm wie noch nie

Von FRANK NEUSSER
Düsseldorf - Reiches Düsseldorf. Eine Stadt mit Schicki-micki, teuren Autos und der prachtvollen Kö. Aber es gibt auch die andere Seite, das arme Düsseldorf, in dem Menschen an der Armutsgrenze leben und ohne Hilfe nicht über die Runden kommen. Um überhaupt täglich eine warme Mahlzeit zu bekommen, gehen sie in der Armenküche essen. Und es werden immer mehr.
Einer, der täglich in der Altstadt-Armenküche am Burgplatz für 50 Cent isst, ist Volker. Der 60-Jährige steht bereits seit 16 Jahren fast jeden Tag an. „Ich bin früher zur See gefahren, war danach beim Bund und bin dort zum Alkoholiker geworden“, berichtet er aus seinem Leben. „Dadurch geriet ich auf die schiefe Bahn, landete im Knast und habe keine Arbeitsstelle mehr gefunden. Jetzt muss ich jeden Monat mit 351 Euro auskommen. Zu wenig zum Leben, deshalb ist für mich die Armenküche ein Geschenk Gottes.“
Auch Bernhard (43) kommt regelmäßig. Der ehemalige Lackierer atmete während seiner Arbeitszeit zu viele giftige Dämpfe ein und wurde berufsunfähig. „Von meinem Arbeitgeber habe ich damals 2.800 Mark als Abfindung bekommen und erhalte nun eine Frührente. Aber bei den Mieten und den gestiegenen Lebensmittel- und Energiekosten reichen 708 Euro nicht.“
Keine Einzelfälle, wie Marion Gather weiß. „Viele, die zu uns kommen, sind in einer ausweglosen Situation und leben am Existenzminimum“, sagt die Sozialarbeiterin, die sich mit ein paar ehrenamtlichen Helfern um die Armen kümmert. „Aber mehr als 120 Essen können wir nicht ausgeben, unsere Töpfe sind nicht größer.“
Aber nicht nur die Armenküche verzeichnet einen riesigen Ansturm. Auch die Diakonie muss immer mehr Menschen helfen. „Es gibt eine große Zunahme der Armut, die Tendenz ist weiter steigend“, sagt Christian Arnold von der Wohnungslosenhilfe Düsseldorf, die mittags in drei Einrichtungen in Düsseldorf 200 Essen ausgibt. „Wir haben auch eine starke Zunahme bei der Lebensmittelausgabe. Besonders Rentner rutschen immer mehr ab, ihr Geld reicht nicht mehr zum Leben aus.“
Das hat auch Pater Wolfgang vom Dominikanischen Kloster festgestellt. „Das klassische Klientel ist nicht mehr da. Es kommen Rentner und Sozialhilfeempfänger. Viele müssen jeden Tag ums Überleben kämpfen.“