Mitten im Leben stehen die Dominikanerbrüder
Zurzeit suchen sie einen neuen „Chef“
Von Sema Kouschkerian
Die schwarze Limousine stand mitten im Altstadtgewühl. Hunderte Jugendliche zogen daran vorbei, Drogensüchtige, Trinker, Touristen, Sie ahnten nichts von dem hohen Besuch, der sich zum Weltjugendtag im Kloster der Dominikaner angesagt hatte, Walter Kardinal Kaspar, Kurienkardinal und Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, war direkt aus dem Vatikan an die längste Theke der Welt gereist, um dort mit den Brüdern des Predigerordens zu speisen. Drei Jahre ist das jetzt her.
„Man kommt gern zu uns zum Mittagessen“, sagt Dominikanerpater Wolfgang Sieffert. Dem Kardinal wird es eine besondere Freude gewesen sein, in einem grunddemokratischen Orden wie dem der Dominikaner zu tafeln und mal wieder mit der Basis in lockerer Runde am Tisch zu sitzen. Der hohe Repräsentant der katholischen Kirche erlebte in der Düsseldorfer Altstadt Gemeinschaft, Einem Papstvertrauten wird das imponiert haben.
Dominikaner leben demokratisch, die Gruppe hat Mitspracherecht Der Dominikanerorden funktioniert über eine gewählte Hierarchie. Nicht der einzelne entscheidet, sondern die Gruppe. Diejenige in der Andreasstraße sucht derzeit einen neuen Oberen. Der Posten des Priors ist vakant, seitdem Bruder Johannes Bunnenberg zum Provinzial aufgestiegen ist. Nun ist es Aufgabe der Konventgemeinschaft, einen Nachfolger zu wählen - aber der ist bislang nicht in Sicht.
Als das jetzt bekannt wurde, wähnten manche bereits das Ende des Konvents, das sich 1865 in Düsseldorf niedergelassen hat. 170 Predigerbrüder in Deutschland (1972 noch 360), 6500 weltweit: Das sind Zahlen, die beunruhigen. Pater Wolfgang aber fegt alle Befürchtungen vom Tisch „Eine Schließung ist kein Thema. Wir haben uns lediglich eine längere Bedenkzeit für einen neuen Kandidaten auserbeten“.
„Der neue Prior muss verständnisvoll und ein guter Moderator sein“
Pater Wolfgang über Kerneigenschaften des neuen Oberen
Dessen Aufgabe ist in Düsseldorf nicht ganz einfach. „Wir brauchen jemanden, der in die Gemeinschaft passt, verständnisvoll ist, Verantwortung übernimmt, gut predigen und Moderator sein kann“, zählt Wolfgang Sieffert grundlegende Eigenschaften auf.
Der Anspruch ist hoch, denn das Leben im Konvent ist eine Sache. Die Organisation der Gottesdienste in St. Andreas und die Kooperation mit den anderen City-Gemeinden eine andere. Die Dominikaner haben den Dienst in St. Andreas für die katholische Kirche übernommen. „Wenn wir keinen Kandidaten finden, bestimmt unser Provinzial jemanden“, sagt Pater Wolfgang. Ein halbes Jahr haben die Düsseldorfer Dominikaner nun Zeit zu suchen.
Neun Dominikaner gehören dem Konvent in der Altstadt an. „Historisch gesehen ist das eine normale Größe“, sagt Pater Wolfgang. Die Brüder leben in Gemeinschaft, übernehmen aber auch Verantwortung außerhalb des Konvents. Hochgebildet und mit großem Einsatz für Gerechtigkeit besetzen sie ihren Platz in der Gesellschaft.
Pater Wolfgang zum Beispiel arbeitet als Gefängnisseelsorger in der Ulmer Höh' und ist Vorsitzender der Altstadt-Armenküche, Bruder Irenäus Fischer betreut die 160 000 Bände umfassende, bedeutende Dominikaner-Bibliothek St. Albert in Köln, Pater Carsten Barwasser ist Doktor der Theologie, Seelsorger und war bis Mai unter anderem für Veranstaltungen und Kampagnen des Ordens zuständig. Im September geht er nach Rom, um dort an der Päpstlichen Hochschule St. Thomas der Dominikaner zu unterrichten.
Mit Carsten Barwasser, Pater Wolfgang und Elias Füllenbach leben drei gebürtige Düsseldorfer im Konvent. Carsten Barwasser legt zudem Wert darauf, dass er als Gerresheimer aus einem Stadtteil kommt, der geschichtlich erheblich älter ist als die Landeshauptstadt. Bevor Wolfgang Sieffert 1987 in seine Heimatstadt zurückkehrte, war er im Ruhrgebiet tätig. Damals war die Schließung des Düsseldorfer Konvents nah. Das leitende Ordensgremium hatte die Situation vor Ort als „mangelhaft“ eingestuft. Der Vorwurf: Die Ordensbrüder bewegten zu wenig. Dominikaner leben mit Gott und im Glauben an ihn in der Welt, mitten in der Altstadt. Zurückgezogenheit ist ihre Sache nicht.
„Das ist eine Garantie dafür, dass ich lebendig bleibe“
Pater Wolfgang über das stete Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln
Mit Wolfgang Sieffert und zwei Mitbrüdern kamen junge Leute in den Konvent. Sie machten die Dominikaner zu Partnern im städtischen Geschehen und etablierten 1991 die offene Kirche. Seitdem ist die Andreaskirche täglich von 8 bis 18.30 Uhr zugänglich für jedermann, zum Beten, Innehalten und Schauen. Wolfgang Sieffert genießt es, in der Nähe seiner Familie zu sein. Und es ist kein Widerspruch, wenn er sagt, dass er „die Weite liebt“, denn der Dominikaner kann sich beides leisten. „Wir haben regelmäßig internationale Gäste. Außerdem finden sich in unserem Konvent auf wenigen Quadratmetern viele Abschlüsse. Wir haben einen Soziologen, Philosophen, Volkswirt, Historiker und Bibliothekar.“ Da bleibe der Geist ganz automatisch wach.
Die Ordensbrüder sind durch ihre Aufgaben stark beansprucht, haben aber feste Termine für ihr gemeinsames Leben. Sie treffen sich täglich zum Beten, Mittagessen, bei der Wochenbesprechung am Samstag und zur Tagesschau mit anschließendem Gespräch am Sonntag.
„Für eine gute Predigt braucht es eine gute Ausbildung und Gemeinschaft“, sagt Pater Wolfgang. Dominikaner verstehen sich als Weltpriester, die sich stets weiterbilden. „Diese Weiterentwicklung ist mir persönlich, menschlich und intellektuell ein Bedürfnis. Das ist eine Garantie dafür, dass ich lebendig bleibe.“
Der Dominikanerorden
URSPRUNG Dominikaner sind katholische Ordensleute und gehen auf den Heiligen Dominikus aus Kastilien zurück. Dieser hat den Orden 1216 gegründet.
AUFBAU Jeder Ordensbruder hat ein Mitspracherecht. Die kleinste Einheit ist das Konvent/Kloster. Der Obere eines Konvents ist der Prior, dessen Amtszeit auf drei Jahre beschränkt ist. Die Konvente werden zu Provinzen zusammengeschlossen. Die oberste gesetzgebende Kraft der Dominikaner ist das Generalkapitel.
OFFENE GEMEINSCHAFT Die Dominikaner sprechen von Konvent (von lat. convenire = zusammenkommen) und nicht von Kloster (von lat. claustrum = abgeschlossener Bereich)
PHILOSOPHIE Im Mittelpunkt stehen die Verkündigung des Wortes Gottes mit aller rhetorischer Überzeugungskraft, die Betonung von Gerechtigkeit in der Welt und der Respekt vor dem Einzelnen.
DÜSSELDORF 1865 lassen sich die Dominikaner an der Herzogstraße nieder und bleiben dort mehr als 100 Jahre. 1972 verkaufen sie das Grundstück an die WestLB und ziehen in die Andreasstraße, Der Verkaufserlös muss immens gewesen sein, dann nach Auskunft von Pater Wolfgang können sich seit damals alle Dominikaner weltweit eine Krankenversicherung leisten.
GEMEINSCHAFTEN In Düsseldorf leben insgesamt 20 Ordensgemeinschaften. Die komplette Liste finden Sie im Internet unter www.wz-duesseldorf.de
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