Der Ringer GottesRP vom 24.12.2007 |

Seelsorger ist Ringer aus Leidenschaft
Der Ringer GottesVON MICHAEL BROCKERHOFF UND HANS-JÜRGEN BAUER (FOTOS)
Auch dafür tauscht Wolfgang Sieffert zweimal pro Woche die weiße Kutte des Dominikaners gegen das hautenge Trikot eines Ringers. Denn von diesem Sport, mit dem der 50-jährige Theologe bereits in seiner Kindheit angefangen hat, will er nicht lassen. Sport als Ausgleich für die Alltagstätigkeit sei wichtig, und da komme das Ringen seiner Lebenseinstellung entgegen. „Ich will nicht einfach aufgeben, ohne für eine Sache gekämpft zu haben“, meint Pater Wolfgang. Diese Einstellung hilft ihm als Gefängnisseelsorger in Düsseldorf. „Denn um die kleinen Freiräume der Inhaftierten muss man ständig kämpfen, aber auch darum, dass sie ihr Leben vernünftig meistern“, beschreibt er seinen Beruf. Und im Knast würden sich viele als Einzelkämpfer fühlen, wie ein Ringer auf der Matte. Aber in einem Verein wie dem TuS Gerresheim, für den Pater Wolfgang regelmäßig Wettkämpfe bestreitet, zählt der Zusammenhalt einer Mannschaft mehr. Alle Teammitglieder fiebern mit, wenn einer von ihnen im Punktekampf der Bezirksliga auf der Matte ringt. „Nicht wegducken, Spannung halten, festpacken“, brüllt auch schon mal Pater Wolfgang von der Bank aus, wenn ein Kämpfer schwächelt. Vor allem die jüngeren Ringer brauchen eine solche Unterstützung, um Leistung zu bringen. Sie hören gern auf Pater Wolfgang, weil er ihnen ein sportliches Vorbild ist und zu ihnen gehört. Das Abklatschen mit der Hand in der Gruppe vor einem Kampf zeigt es deutlich. Schon als Kind trat der Pater in den TuS Gerresheim ein. „Der Vater eines Freundes hat mir dazu geraten, weil man beim Ringen vom Scheitel bis zur Sohle gefordert ist, aber auch den Kopf gebrauchen muss. Um Stärkere zu bezwingen, braucht man gute taktische Ideen, um sich durchsetzen zu können.“
Aus diesem Wunsch heraus brach er auch sein Studium ab und ging in den Orden. Die Dominikaner gefielen ihm, obwohl sie weniger als zupackend und mehr als Verfechter des Wortes gelten. „Denn der Orden ist durch und durch demokratisch und sehr vielfältig“, sagt der Theologe. Eine Voraussetzung, um unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen, als Gefängnisseelsorger, als Organisator der Armenküche, aber auch als Prediger. „Ich habe in meinem Leben bisher nur zwei Messen gelesen, in denen ich nicht gepredigt habe“, erzählt er nicht ohne Stolz. Denn eine Predigt sei mit einer Begegnung vergleichbar. Der Besucher einer heiligen Messe brauche eine persönliche Ansprache, sonst könne die Liturgie schnell langweilig werden. „Der Glaube kommt nicht in abstrakten Ritualen über uns, sondern muss im Lebens-Kontext sichtbar werden.“ Wie Gott Halt und Sinn geben kann, sei nur über Menschen und ihr Leben zu erkennen. Wobei die Lebensführung anderer durchaus zu Konflikten führen kann. „Manchmal ärgere ich mich fürchterlich über andere, habe richtig Wut in mir“, sagt Pater Wolfgang. Wenn er dann auf der Matte steht, kann sich die Wut bei der körperlichen Anstrengung explosionsartig entladen - wenn er sich mit dem Gegner misst. Bildzeile: Die Auftritte als erfolgreicher Ringer und als Dominikanerpater machen beide die Persönlichkeit von Wolfgang Sieffert aus. Denn zupacken will der Theologe sowohl beim Sport als auch in der Seelsorge. LebensdatenWolfgang Sieffert wurde 1957 in Düsseldorf geboren. Das Pharmazie-Studium brach er ab, um bei den Dominikanern einzutreten. Sein Noviziat machte er in der Schweiz. Studium der Theologie und Philosophie in der Schweiz und in Bonn. Stationen des Seelsorgers: Betreuung von Strafgefangenen, danach dreieinhalb Jahre Arbeit in einer Gemeinde in Bottrop. 1990 kam Pater Wolfgang in das Düsseldorfer Kloster der Dominikaner und kümmert sich vor allem um Strafgefangene. |