Erst Kunst, dann Segen
Rheinischer Merkur vom 24.5.2007

Am Grabbeplatz, hinter der Kunsthalle, erhebt sich in der Düsseldorfer Innenstadt die Andreaskirche. Hier spenden die Dominikaner Segen und haben für alle ein offenes Ohr.

Erst Kunst, dann Segen

Düsseldorf. Mitten in der Altstadt, wo das Leben pulsiert, probt Pater Carsten Barwasser Gratwanderungen. Er will sich mit seinen Dominikanern als Gesprächspartner der Menschen und der City profilieren. Sein Projekt der Offenen Kirche verbucht wachsendes Interesse

(Ulrike Lotze)Die Gegensätze prallen hier aufeinander. Auf der einen Seite die Kunsthalle und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die berühmte Kabarett-Spielstätte "Kom(m)ödchen" und die schöne frühbarocke St. Andreas-Kirche. Dort die Kneipenmeile, durch die Horden von angetrunkenen Menschen ziehen, der bettelnde Obdachlose und der Junkie, der sich gerade einen Schuss setzt. Und mittendrin ein Kloster.
Nein, idyllisch ist der größte Teil der Düsseldorfer Altstadt schon seit vielen Jahren nicht mehr. So stellt sich der Laie nicht das Umfeld eines Klosters vor. Aber genau hier gehört die Kirche hin - meinen die Dominikaner. Neun Patres im Alter zwischen 30 und 86 Jahren haben direkt gegenüber der St. Andreas-Kirche ihr nüchternes Quartier bezogen. Nachts um vier grölen oft die Betrunkenen auf der Straße, und die Kneipe um die Ecke dreht die Musik noch mal voll auf. Das ist nicht idyllisch, aber eingeplant. Denn die Ordensbrüder leben mit voller Absicht mittendrin in der Großstadt, ihr Konzept heißt "Offene Kirche". Es ist Teil der sogenannten "City-Pastoral" - heute in Deutschland weit verbreitet. Doch als die Dominikaner 1990 damit begannen, waren sie Pioniere.
Offene Kirche - das ist nicht nur ein Name: Die Pforten der St. Andreas-Kirche sind tatsächlich den ganzen Tag geöffnet von 7.30 Uhr in der Frühe bis um 19 Uhr am Abend. Und die Besucher finden hier fast an jedem Tag einen Gesprächspartner: Einer der neun Ordensbrüder und zwei ehrenamtliche Helfer haben ein offenes Ohr für sie. Das ist durchaus wörtlich gemeint, denn bei den Gesprächen suchen die Besucher keine klugen Ratschläge, sondern einen Menschen, der einfach zuhören kann. Deshalb haben auch alle Patres und Ehrenamtlichen eine Ausbildung in Gesprächsführung gemacht. Denn wöchentlich Dutzende von Besuchern schütten hier ihr Herz aus. Mal geht es um soziale Themen, mal um religiöse Fragen. Doch stets ist das Angebot spontan und unverbindlich. Aber wenn's nötig ist und gewünscht wird, vermitteln die Patres und ihre Helfer die Menschen natürlich an andere Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen weiter. Wer will, kann aber auch ganz klassisch beichten oder nur Fragen stellen oder einfach die schöne Kirche besichtigen.

Weihrauch gegen Trauer

Wirklich aus dem Rahmen des Kloster-Klischees fallen in der Düsseldorfer Altstadt die "Nächte". Die "Nacht der Liebenden" etwa, die um den Valentinstag herum veranstaltet wird. Sie ist so etwas wie das "Schlagerangebot" der Dominikaner. Ein ständiges Kommen und Gehen herrscht dann in der Kirche. Viele schnuppern herein, werden von den kreativen Angeboten und der warmherzigen Atmosphäre in der Kirche angezogen. Da erklingen ganz säkulare Liebeslieder, können die Besucher Liebesgedichte schreiben, der Liebe ein Licht anzünden, auf einer Großprojektion über dem Altar Liebesbilder, betrachten oder ihre Liebe bei einem Gottesdienst segnen lassen.
Gerade die Segnungen werden überraschend gut angenommen. Dabei sind sich die Brüder ihrer Gratwanderung durchaus bewusst. Denn natürlich kommen nicht nur katholische Ehepaare. Deshalb legen die Patres auch Wert darauf, dass diese Segnung kein Sakrament ist: "Wir wollen damit nicht unverbindliche Beziehungen segnen, aber wir sortieren die Leute auch nicht aus", betont der 40-jährige Pater Carsten Barwasser. Die Lösung? Nun: "Da ist Kreativität gefordert." Und davon haben die Dominikaner in Düsseldorf offensichtlich reichlich.
Wie die andere "Nacht" im November zeigt, die "Nacht der Trauer und des Trostes" - für "Junge und Alte, Christen und Nicht-Christen", wie es auf dem Einladungsplakat heißt. Da erklingt in der Kirche all die Musik, die Menschen zu Hause auflegen, wenn sie "schlecht drauf sind", auf der Großprojektion sind etwa Bilder der Pietä von verschiedenen Künstlern zu sehen. Die Besucher können ihre Fragen und Klagen aufschreiben und an ein großes Fragezeichen heften, einen Abschiedsbrief schreiben oder einfach in einem der hinteren Räume zu leiser Musik meditieren. Sie können etwas in den Sand schreiben, eine Kerze anzünden oder ihre Trauer in Weihrauch aufgehen lassen. Beim Trostgottesdienst können sie sich segnen und salben lassen.
Und die Menschen kommen - zu Hunderten. Bei der letzten "Nacht" waren es sogar 3000 - die Dominikaner haben einfach mitgemacht bei der "Nacht der Museen" in Düsseldorf. In dieser Nacht sind alle Museen der Stadt geöffnet. Shuttlebusse transportieren die meist jungen Leute zu den Musentempeln ihrer Wahl. Da St. Andreas eine durchaus bedeutende Kirche des Frühbarocks ist und sogar die Grabstätte des für Düsseldorf so wichtigen Kurfürsten Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg (bekannt als Jan Wellem) beherbergt - da bot sich die Teilnahme an der "Nacht der Museen" geradezu an. "Das ist einfach eine gute Gelegenheit, mit Kirchenfremden und einem sehr jungen Publikum in Kontakt zu kommen - Menschen, die wir sonst nicht erreichen", betont Pater Barwasser. Aber auch das ist für ihn eine Gratwanderung. Denn: "Wir sind kein Museum." Um das deutlich zu machen, waren in dieser Nacht besonders viele Dominikaner in der Kirche präsent, konnten Besucher, auch ohne ihr Ticket vorzuzeigen, das Gotteshaus besichtigen.

Viel Besuch zur Mittagsmesse

Das Gegengewicht zu den Nächten bilden eher konventionelle katholische Angebote. Die Besucher sind zum täglichen Morgengebet oder zur abendlichen Messe eingeladen. Überdurchschnittlich gut besucht ist die Mittagsmesse. Täglich kommen 80 bis 100 Menschen. Das Spektrum der Teilnehmer reicht vom normalen Altstadtbewohner bis zum Angestellten, der seine Mittagspause mal ganz anders als sonst verbringt. Einmal im Monat ist am Freitagabend - während um die Kirche herum der "Ballermann tobt" - eucharistische Anbetung. Die Brüder laden auch zu Exerzitien im Alltag, zu Wallfahrten, Predigtgesprächen oder zum Frühschoppen nach der 11-Uhr-Messe am Sonntag. Ein wichtiger Bestandteil der "Offenen Kirche" ist die Kultur. In der Fürstenloge der ehemaligen Hof- und Jesuitenkirche sind ständige Kunstschauen. In wenigen Tagen endet die Ausstellung "Menschenbilder" der Malerin Janet Brooks Gerloff. Die "Sonntagsorgel" erklingt jeden Sonntagnachmittag. Einmal im Monat sind Besucher zur Konzertreihe "Kirche und Klavier" geladen.
Denn das Ziel der drei jungen Dominikaner, die 1990 mit der Offenen Kirche begannen, war ganz klar: "Wir wollen Kirche als kompetenten Partner bei sozialer Not, aber auch für die Bereiche Kunst, Musik, Geschichte und das Stadtgeschehen allgemein etablieren", betont Pater Wolfgang Sieffert, einer der Mitbegründer von damals. Er lebt noch heute im Altstadt-Kloster. Mit zwei anderen jüngeren Patres, die dafür nach Düsseldorf kamen, entwickelte er 1990 das Projekt der Offenen Kirche. Bereits 1972 hatten die Dominikaner das alte Klostergebäude an der Herzogstraße aufgegeben und waren in die Altstadt gezogen. Das alte Gebäude war zu groß und im Unterhalt zu teuer geworden. Der Orden überalterte in den folgenden Jahren weiter, und die Säkularisierung griff immer mehr um sich. Wie kann die Kirche, wie kann ein Orden auf diese Entwicklung reagieren? In Frankreich gab es damals schon unter dem Titel "Ac-cueil" (Empfang) ein niederschwelliges Angebot für Kirchenfremde in den Städten. In Deutschland war das Konzept der City-Pastoral noch weitgehend unbekannt. Doch es passte zu den Dominikanern, die seit ihrer Gründung ein Stadt-Orden waren, wie Pater Carsten Barwasser betont. Ihre Klöster lagen und liegen im Brennpunkt der Städte, und deshalb gab es und gibt es innerhalb des Ordens keine grundsätzlichen Diskussionen um die ungewöhnlichen Aktionen in der Düsseldorfer Altstadt.
Und die Gottesdienstzahlen steigen in der St. Andreas-Kirche. Während draußen Junggesellenabschiede fröhlich gefeiert werden, jugendliche Besuchertrupps zum Koma-Saufen in die Altstadt kommen, schon mal an die Kirchenmauern pinkeln oder sich auf die Kirchentreppen erbrechen, erklingt in den heiligen Hallen das Lob Gottes. Das ist nicht idyllisch. Aber das ist Kirche, das ist Klosterleben im 21. Jahrhundert. Mittendrin.