Presse
WZ vom 03.06.2006

„Hier wird jeder mit Respekt behandelt"

Seit 1972 sind die Dominikaner an St. Andreas, vor 15 Jahren begannen sie ihr Projekt „Offene Kirche". Mitbegründet hat es Pater Wolfgang Sieffert.

Von Alexander Schulte

Die „Offene Kirche der Dominikaner" ist mit 15 Jahren eines der ältesten Projekte der heute in Deutschland gängigen City-Pastoral. Die Andreaskirche ist täglich von 8 bis 18.30 Uhr zugänglich für jedermann - als Ort des Gebets, der Erholung, des stillen Verweilens. Die neun Dominikaner, zwischen 29 und 85 Jahre alt, und rund 25 Laien sorgen dafür, dass man stets einen Ansprechpartner findet. Das Konzept wesentlich mit entwickelt hat Pater Wolfgang Sieffert, bekannt auch als Organisator der Armenküche und als Gefängnisseelsorger in der Ulmer Höh', der 1990 aus Bottrop in die Altstadt kam.

INTERVIEW

WZ: Pater Wolfgang, wie kam es 1991 zur „offenen Kirche"?
Pater Wolfgang: Zunächst einmal war St. Andreas als Pfarrkirche, die seit jeher guten Zulauf aus Stadt und Region bekommt, ja nie geschlossen. Aber als wir 1990 mit drei jungen Fratres in den Konvent kamen, war uns schnell klar: Wir wollen und müssen präsenter sein in der Altstadt, 'offener, einladender. Wir wollen Kirche als kompetenten Partner bei sozialer Not, aber
auch für die Bereiche Kunst, Musik, Geschichte und das Stadtgeschehen allgemein etablieren.

WZ: Dafür stand gleich die Öffnung des Mittelportals als „gläserner" Eingang.
Pater Wolfgang: Ja, aber diese Glastür weckte anfangs Befürchtungen. Mancher fragte sich: Was passiert, wenn die Leute, zumal die Obdachlosen, die Offenheit der Kirche sehen? Tatsächlich passierte gar nichts. Im Gegenteil, es gab früher mehr Verunreinigungen, Abfall oder Kritzeleien.

WZ: Was bedeutet „offene Kirche" über den Wortsinn hinaus?
Pater Wolfgang: Dass sie ein Ort der Begegnung und des Aus-tauschs ist. Es geht darum, dass hier jeder mit Respekt behandelt wird - egal, ob er im maßgeschneiderten Anzug reinkommt oder sich seit drei Tagen nicht umgezogen und geduscht hat. Und dann sind Verbindungen entstanden zur Kulturszene, bei dieser Lage ist das fast selbstverständlich, und Veranstaltungen. Wir haben Themenabende angeboten bei der Nacht der Museen oder der Mittsommernacht, eine Nacht der Liebenden, eine Nacht der Trauer und des Trostes, da kamen zum Teil über 2500 Leute in die Kirche. Schließlich die Ökumene: Es gibt mittlerweile gute Verbindungen und ein regelmäßiges Miteinander mit der benachbarten Neanderkirche.

WZ: Im Vergleich zu 1991: Was hat sich verändert?
Pater Wolfgang: Das Publikum ist bunter geworden. Es kommen auch viele Leute, die nicht gerade zum kirchlichen Kernmilieu gehören. Das heißt ja beides: Die Kirchenbindung hat sicher abgenommen, andererseits aber auch die Abneigung gegen Kirche. Zur Beichte kommen nicht mehr viele, zum offenen Gespräch schon. Das Bedürfnis nach Sinnorientierung, nach Spiritualität ist groß.

Wir haben zehn bis 20 angemeldete Gespräche pro Woche, noch mehr ergeben sich aber einfach so. Bei Besichtigungen des Jan-Wellem-Grabes etwa kommt regelmäßig die Frage: Sind da auch Knochen drin? Und dann spricht man plötzlich über den Tod.

WZ: Dient die „schöne" Andreaskirche somit zunehmend als Ort kultureller Erbauung, wo man natürlich auch gerne heiratet, der Glaube aber nur noch eine Nebenrolle spielt?
Pater Wolfgang: Nein. Das Religiös-Intellektuelle spielt hier eine große Rolle, die Predigtmessen waren und sind ein Zugpferd. Aber natürlich gibt es Leute, die sagen ganz klar: zum Orgelkonzert oder dem Vortrag vom Prior über Sartre komme ich, mit allem anderen könnt ihr mir gestohlen bleiben. Aber wer kann schon so einfach sagen, was dezidiert kirchlich ist? Und dass viele bei uns feiern möchten, weil sie das schöne Ambiente genießen - das war schon immer so.

WZ: Ist der Standort mitten in der Altstadt ideal?
Pater Wolfgang: Für die City-Pastoral auf jeden Fall, auch für den Austausch mit Kultur und Gesellschaft. Wenn bloß die Nächte, vor allem an Sommer-Wochenenden, nicht so unglaublich laut wären. Da wird um 4 Uhr vor meinem Fenster rumgegrölt oder in der Kneipe noch mal die Musik voll aufgedreht. Dann leide ich unter dem Lärm und dem Schlafmangel.

Das Programm an St. Andreas
15 Jahre offene Kirche der Dominikaner: Das Jubiläum an St. Andreas wird von Pfingstmontag bis 18. Juni mit einem vielfältigen Programm gefeiert.

Eröffnungsgottesdienst am 5. Juni, 11 Uhr, es predigt Pater Johannes Bunnenberg. Am 8.6. (18 Uhr) ist ein Jan-Wellem-Gedenkgottesdienst; Am 11.6. liest Weihbischof Rainer Woelki um 11 Uhr die Festmesse.

Kirchenführungen: 7. und 17. 6. (16 Uhr), 8.6. um 19 Uhr.

Konzerte: Kantor Frank Volke gibt am 9. Juni ein Klavierkonzert (19.30 Uhr), am 15.6. um 16 Uhr, steigt das Jubiläumskonzert mit Orgel- und Instrumentalmusik, es spielen Mitglieder der Symphoniker.

Vorträge: Erfurts Bischof Joachim Wanke spricht am 7. Juni über „Das Evangelium auf den Leuchter stellen" (19 Uhr). Pater Ulrich Engel und Pater Wolfgang rekapitulieren am 13. 6., 19 Uhr, 15 Jahre offene Kirche im Andreassaal.

Ausstellung in den Empfangsräumen (Kirche): „Zeugnisse dominikanischer Präsenz in Düsseldorf". Geöffnet sonn-und feiertags 14-16 Uhr; mi, do, sä 15-17.30, fr 16-18 Uhr.