Vom Labor an den Altar: Ein Pater und sein Weg
Wolfgang Sieffert ringt nicht nur mit Gott, sondern auch im TuS Gerresheim. Der Dominikaner gehört so selbstverständlich zur Altstadt wie sein Herz den Menschen.
Pater Wolfgang holt tief Luft. Es ist die Nacht der Museen, und auch in der Andreaskirche herrscht um 23.30 Uhr reger Betrieb. Während sich die Besucher über die Kirchengeschichte informieren und den Sarkophag von Jan-Wellem besichtigen, wird draußen herumgestänkert „Der Pater Wolfgang soll rauskommen. Pater Wolfgang!" Der Dominikaner bemüht sich, das Gröhlen zu überhören. Vergeblich. „Pater Wolfgang", ertönt es wieder. Die Sicherheitskräfte haben keine Chance, der Schreihals will sich einfach nicht beruhigen. Wolfgang Sieffert kapituliert. „Ich glaub', ich muss da eingreifen."
Der Unruhestifter ist betrunken, ein Obdachloser. Einer von denen, die täglich vor der Andreaskirche herumlungern, bis sie die Mitarbeiter des Ordnungsamtes verjagen. Schon hundertmal hat Pater Wolfgang solche Aktionen erlebt. Der 47-Jährige lebt und arbeitet mitten in der Altstadt. Jeder kennt ihn. Sein Schlafzimmer liegt an der Andreasstraße, und oft genug macht er wegen des Lärms kein Auge zu. Dennoch ist er überzeugt, dass es für seine Aufgabe keinen besseren Standort gibt. „Wo kann ein Dominikanerkloster, das sich der City-Seelsorge verschrieben hat, besser sein als in der Altstadt?"
1990 hatte die Ordensleitung überlegt, die Düsseldorfer Gemeinschaft aufzulösen und auf andere Klöster zu verteilen. „Man war der Meinung, es fehle die gemeinschaftliche Ausstrahlung." Sieffert und die Mitbrüder entwickeln das Konzept von der City-Seelsorge, das am Ende den Fortbestand der Gemeinschaft in Düsseldorf sichert. Die Armenküche wird gegründet, die „offene Kirche" eingerichtet, die Brüder gehen als Seelsorger ins Gefängnis. Niemandem soll das Recht auf Essen, Beten, Nachdenken und Aussprache verwehrt bleiben, ist der hehre Anspruch der jungen Fratres.
LEUTE HEUTE
Als Wolfgang Sieffert 1990 seine neue Wirkungsstätte antritt, ist es für ihn zugleich eine Rückkehr in die Heimat. Sieffert ist Düsseldorfer, seine Familie lebt in Vennhausen, am Gymnasium Am Poth hat er das Abitur gemacht. Den ersten Kontakt zu den Dominikanern hat er mit Anfang zwanzig. „Wir waren mit den Pfadfindern in England und suchten einen geistlichen Betreuer für das Lager. Jemand gab uns den Tipp, bei den Dominikanern nachzufragen. Das habe ich dann auch getan." Die Idee vom Leben in der Gemeinschaft und die Grundsätze des Ordens begeistern den Pharmazie-Studenten Sieffert, der immer häufiger an seiner Entscheidung, später als Forscher zu arbeiten, zweifelt. Innerlich hat er sich von den Naturwissenschaften bereits verabschiedet. „Ich wollte mit Menschen arbeiten."
Mit 21 Jahren beginnt Wolfgang Sieffert ein sechsmonatiges Praktikum bei den Dominikanern in Warburg/Westfalen. Fünf Jahre später leistet er das Gelübde für die Ewigkeit. In Freiburg in der Schweiz studiert er Theologie und Philosophie. „Ich hatte Angst vor dem Studium", erinnert sich der Pater. „Aber es war die Offenbarung." Er lernt in Freiburg, seinen geschulten Verstand zum Wohl der Mitmenschen einzusetzen und sich der Spannung zwischen der einen und den vielen Wahrheiten immer wieder neu zu stellen.
Anders könnte Wolfgang Sieffert auch gar nicht. Bloß nicht stehen bleiben, bloß nicht verschließen. Möglichst vieles anpacken, am besten alles gleichzeitig. So ist der Mann, der acht Geschwister hat, gestrickt. Er ringt seit seiner Jugend, fährt trotz der täglichen 15 Selbstgedrehten regelmäßig mit dem Fahrrad zum Gefängnis an der Ulmenstraße, wandert im Sinai, und trägt sommers wie winters Sandalen ohne Strümpfe. Warum? „Ich weiß nicht, ich hab' mich einfach daran gewöhnt. Außerdem kann man damit prima kokettieren", lächelt er.
Der manchmal etwas flapsige Umgangston des Dominikaners mag darüber hinwegtäuschen, wie ernst er es meint mit der Fürsorge für den Anderen. Jahrelang überhört er hartnäckig die Aufforderungen aus Ordensleitung, er möge sich auf das Priesteramt vorbereiten. „Ich hatte Angst, dass es mir in dieser Position nicht mehr gelingen würde, auf Augenhöhe mit den Menschen zu sein. Aber während meiner Zeit in Bottrop habe ich gemerkt: Man kann Priester sein und trotzdem Bruder bleiben."
Für die Arbeit im Gefängnis ist diese Überzeugung Gold wert. Der muslimische Häftling, der den Antrag stellte, beichten zu wollen, brauchte keinen Priester. „Es ging nicht um das Sakrament, der Mann wollte einfach nur verschwiegen reden. Die meisten Menschen sind religiös, auch wenn sie es anders praktizieren."
Seit 15 Jahren ist Pater Wolfgang als Seelsorger in der Ulmer Höh' tätig und leitet die Redaktion der Knastzeitung „Ulmer Echo". Manchmal sei es schwer, bei den Artikeln auszubalancieren. „Es kommt vor, dass ich sieben Konfliktgespräche innerhalb kürzester Zeit führen muss", sagt der Pater. „Solange die Auseinandersetzungen auf dem Tisch liegen, kann ich gut mit ihnen leben. Wenn nicht, verliere ich allerdings leicht den Boden unter den Füßen."
aus: WZ, 23.04.2005, Sema Kouschkerian
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DOMINIKANERPATER WOLFGANG
Wolfgang Sieffert kommt am 20. Oktober 1957 zur Welt. Er wächst in Vennhausen auf, macht in Gerresheim sein Abitur, wird Mitglied bei der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg. 1969 beginnt er mit dem Ringen, ist Jugend- und Juniorenlandesmeister; heute trainiert er wieder beim TuS Gerresheim (Bezirksliga). Er studiert Chemie und Pharmazie in Düsseldorf. 1978 tritt er dem Orden der Dominikaner bei. Ihn überzeugt das gemeinschaftliche Leben und der Grundsatz, nach dem die Brüder wirken: sich aufgeschlossen, mit klarem Verstand und Mitgefühl auf Menschen einlassen. 1984 wird Sieffert zum Diakon geweiht, 1990 zum Priester. In Düsseldorf gründet er die Altstadt-Armenküche, den Initiativkreis Armut, die mobile Medizinische Hilfe für Obdachlose.
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