Predigt zum Goldenen Priesterjubiläum
von Pater Emmanuel Renz OP am 25. Juli 2004
Prediger: P. Prior Dr. Johannes Bunnenberg OP
Eine Rebe, die in Verbindung mit dem Weinstock, an dem sie wächst, über Jahrzehnte Frucht gebracht hat. Dieses Bild aus dem Evangelium passt, wie ich finde, gut zum heutigen Festtag, liebe Schwestern und Brüder. Denn Pater Emmanuel stammt ja aus einem Weindorf in Rheinhessen und diese Herkunft prägt ihn bis heute. Im Buch Jesus Sirach heisst es: "Wie ein Lebenswasser ist der Wein für den Menschen." Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat? Und weiter: "Frohsinn, Wonne und Lust bringt der Wein." Ja, der Wein steht für Fest und Freude, für Genuss in Gemeinschaft. Tatsächlich ist Pater Emmanuel ein lebensfroher Mensch, aufgeschlossen für sinnliche Genüsse, auch sinnliche Gedanken und gemütliche Geselligkeit. In einer Predigt gesteht er einmal: "Wir in den Klöstern sind keine Engel. Wir sind leidenschaftliche Lebewesen, die von den animalischen Trieben getrieben werden." Das können Sie nachlesen; habe ich auch nur daher.
Gern lässt er sich daher zum Essen einladen. Gern bringt er Menschen mit seinen Anekdoten und Geschichten zum Lachen und seine Heiterkeit passt gut zu unserer freundlich lichten, hellen Andreaskirche, für die er 27 Jahre als Pfarrer zuständig war. In seiner Amtszeit wurde sie so wunderbar restauriert Der sinnliche Barock ist sicherlich der Kunststil, der ihm am meisten entspricht. Und die damalige Zeit ist auch eine Fundgrube für Geschichten, wie er sie mag. Etwa die Familie der kurfürstlichen Stifter, die zum Teil bei uns im Mausoleum liegen, sie liefert ihm bis auf den Tag unerschöpfliches Material für erbauliche, bisweilen auch etwas schlüpfrige Erzählungen.
Doch, wie sie wissen, nicht nur in der Düsseldorfer Vergangenheit hat Pater Emmanuel Stoffe und Motive gefunden, auch in der Gegenwart. An und um St. Andreas spielte und spielt sich manches kuriose Geschehen ab. Pater Emmanuel hat es beobachtet, zum Vergnügen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer erzählt und etwas ausgemalt in genialer Verbindung und Durchdringung von Dichtung und Wahrheit. Aber er war nicht nur hier in der Kirche zuhause. Zu ihm gehören die Altstadt-Spaziergänge, die ihn auch im nicht kirchlichen Milieu präsent machen, auf denen er Kontakt mit Menschen schließt und pflegt. Heute nennt man das Inkulturation. Doch diese Inkulturation war keine Einbahnstraße, vielmehr kultureller Austausch. Emmanuel nahm hier viel auf und an, aber er brachte auch viel mit. Sich selbst natürlich vor allem. Dann aber auch etwa den Jan-Wellem-Nektar, der in der Gemeinde bei Festen neben dem Alt hochgeschätzt wird.
Vom Wein, liebe Schwestern und Brüder, ist es kein weiter Weg zum Priestertum, schließlich gehört der Wein in die Mitte der Feier der Eucharistie, die Pater Emmanuel über fünf Jahrzehnte hinweg so treu gefeiert hat. Eine Reihe von Namen in seiner rheinhessischen Heimat verraten die Verbindung zum christlichen Glauben von Beginn an. Da finden sich Bezeichnungen wie Liebfrauenmilch, Frühmesse, Pilgerpfad, Gotteshilfe, Klausenberg, aber auch Höllenbrand. Man könnte also sagen: Mit dem Wein trinkt man in seiner Heimat den Glauben und nimmt ihn in sich auf. Lassen sie uns etwas genauer hinschauen, was Wein im christlichen Kontext bedeutet Im Alten Testament wird Israel mehrfach mit einem Weinberg verglichen, den Gott angelegt hat und bestellt. Der Weinberg steht für den Bund Gottes mit uns und für die Sorge, die Gott uns angedeihen lässt Der Psalmist bittet: "Sorge für diesen Weinstock" und "Lass dein Angesicht über uns leuchten, dann ist uns geholfen." So wie eben dem Weinstock, wenn die Sonne über dem Weinberg steht und die Trauben reifen lässt.
Diese alttestamentlichen Bezüge bilden den Hintergrund für die johannäische Bildrede vom Weinstock, die wir im Evangelium gehört haben. In diesem Text sind zwei Aspekte betont: das Fruchtbringen und das Bleiben. Wenden wir uns zunächst dem Fruchtbringen zu. Eine Frucht soll nähren und sie soll schmecken; das hat mit Gaumenlust zu tun. Also zum Fruchtbringen, zur Frucht, gehören Nützlichkeit und Freude. Und beides sind, wie ich meine, zwei passende Stichworte für einen Priester. Er hat ja eine Aufgabe in der Kirche, eine Sendung, einen Auftrag. Dazu gehört unter anderem das Predigen, gerade für einen Dominikaner, einen Predigerbruder. Predigen, das erfahren sie bei uns - wir sind ja viele, die sich versuchen -, kann man so oder so. Wie ich in meiner Ausbildung gelernt habe, gehört zum predigen einerseits das Docere, das Lehren, andererseits aber genauso das Erfreuen. Dem bist du, Emmanuel, in deiner Ausübung des priesterlichen Dienstes wahrlich gerecht geworden. Du hast dafür gesorgt, dass die religiösen Bedürfnisse der Menschen erfüllt wurden. Du bist auf ihre Wünsche eingegangen. Aber nicht mit sauertöpfischem Ernst oder gar mit Bittermiene, sondern so, dass dabei Freude überkam. Die Lesung aus dem Hebräerbrief, die wir gehört haben, stellt den Hohenpriester dar, als jemanden, der selbst mit Schwachheit vertraut ist, der Versagen und Bedrängnis kennt und der gerade deshalb fähig ist, Menschen in ihren Nöten zu verstehen. Dem hast du auch entsprochen. Gerade deine Nähe zu Menschen in ihrer Unzulänglichkeit hat vielen Mut gemacht, dich anzusprechen und sich dir anzuvertrauen. Sie haben gemerkt: das erste Attribut Gottes ist für dich die Barmherzigkeit. Und diese hast du vermittelt.
Ich war ausgegangen vom Wein, vom Fruchtbringen, habe sie in Verbindung gebracht mit Nützlichkeit und Freude. Ich möchte dies noch etwas weiter entfalten und noch etwas prägnanter formulieren. Statt Nützlichkeit und Freude könnte man auch sagen: Ökonomie und Lust Zu beiden hat Emmanuel eine Beziehung. Die Nähe des verständnisvollen Gottes, die er vermitteln konnte, öffnet die Herzen und mit ihnen die Bereitschaft zu teilen. Für viele gute Zwecke hast du diesen Mechanismus fruchtbar gemacht Und so hat sich die Verheißung, wie sie an Abraham ergangen ist, auch an dir erfüllt. Du warst ein Segen, ein spürbarer Segen, ein lustvoller Segen, für die Gläubigen, für den Orden und für manche caritative Institution, die davon profitiert hat Und so ist dein Name groß geworden. Ein Markenzeichen hier in der Altstadt.
Fruchtbringen, das war das erste Stichwort. Das zweite: Bleiben. Bleibt in mir, so bleibe ich in euch. In mehreren Variationen wird diese Aufforderung Jesu an uns im Evangelium wiederholt Nach fünfzig Jahren als Priester kann man sagen, dass auch dieses Bleiben an dir anschaulich geworden ist. Du hast die Enge der Ordenserziehung in den 50er Jahren erlitten und durchgestanden, du hast die Umbrüche des Konzils mitgemacht, du warst Zeuge der nachkonziliaren Streitkämpfe, Richtungskämpfe, Auseinandersetzungen, du hast mit ansehen müssen, wie viele Mitbrüder den Orden verlassen und Priester ihr Amt aufgegeben haben. Es waren wirklich Jahrzehnte voller Umwälzungen und zum Teil dramatischer Entwicklungen. Du bist geblieben. Du bist Dominikaner und Priester geblieben. Eben eine Rebe fest verbunden mit dem Weinstock Christi. "Wie hat er das bloß gemacht?" ist natürlich die Frage für uns Jüngere etwa. In einem Interview -habe ich auch nachgelesen- erzählst du von deinem Weggang aus Gundheim: "Seit Martin Luther gab es aus unserem Dorf keine Priesterberufung. Man fragte sich: Ob der das durchhält, denn so fromm ist der auch nicht?" Ja, so fromm ist der nicht, zumindest nicht übertrieben, nicht überzogen fromm jedenfalls. Und dies, meine ich, ist allemal eine gute Basis, wenn man tagtäglich mit Heiligem zu tun hat. Nüchternheit hast du dir bewahrt, Erdhaftung, Realitätssinn, Humor auch im Umgang mit Sakralem. Das Studium der Kirchengeschichte hat dir dabei geholfen, eine heilsame Distanz zu allen Absolutismen und Fanatismen zu halten. Sein besonderes Interesse gilt dabei den Seitenpfaden, den Umwegen und den Skandalgeschichten. Und die haben vieles was sich sonst als ungemein wichtig gebärdet, stark relativiert.
Kommen wir noch einmal zum Wein. Ziehen wir den Vergleich: Goldenes Priesterjubiläum - ein 50-jähriger Wein. Der hat lange Wachstums- und Reifungs- und Gärungsprozesse hinter sich. Es braucht eine kenntnisreiche Behandlung, aber auch viel Geduld und Warten im Verborgenen, bis er zum Spitzenwein wird. In der so blumigen Weinsprache könnte sich die Charakterisierung des dabei entstandenen Produkts, also des Markenartikels Pater Emmanuel, so anhören. Ein vollmundige Auslese, leicht moussierend, harmonisch ausgewogen, geschmeidig und körperreich. Habe ich im Weinlexikon alles nachgeschlagen.
Die Reifungsprozesse, die nötig sind, bis es soweit ist, haben es an sich, dass sie nach aussen hin kaum in Erscheinung treten. Doch auch dazu hat Pater Emmanuel ein entspanntes Verhältnis. Im Interview sagt er: "Ich bin gern Priester. Besonders gefällt es mir auch, dass ich als Priester die Ruhe Gottes darzustellen habe, denn ich verabscheue alle Hektik, übertriebene Betriebsamkeit und nervöses Getue in diesem Dienst." Und irgendwann kommt dann noch der Hinweis auf die so löbliche priesterliche Siesta. Er schließt: "Da Gott die Zeit geschaffen hat, weiß ich, dass er davon genug geschaffen hat."
Lieber Emmanuel, dass du dies weiterhin erfährst, dass du viel Zeit hast, um die Ruhe Gottes darzustellen und dass du es genießen kannst, das wünsche ich dir am Tag deines Goldenen Priesterjubiläums. Amen.
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| P. Emmanuel am 25.7.04 |
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| P. Johannes am 25.7.04 |
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