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Ulrich Engel OP
Predigt zum Abschied von Max Cappabianca OP und Ulrich Engel OP
aus Düsseldorf am 26.7.2003
| Über die große Gottesfrage, die große Suppenfrage und die große Kamelfrage |
© Dr. Ulrich Engel OP, Berlin / Düsseldorf, Es gilt das gesprochene Wort!
"Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn."
Liebe Gemeinde,
der so sprach, hat - lange schon vor uns! - Düsseldorf verlassen. Er ist nach Frankfurt am Main gegangen, um eine Ausbildung zu beginnen, so wie du, Max., es in Kürze tun wirst. Was bei ihm eine kaufmännische Lehre beim Bankier Rindskopf war, wird bei dir ein Voluntariat bei der Katholischen Fernseharbeit sein. Der, dem da weitab von Düsseldorf so wunderlich zu Mu-te ist, war ein richtiges Altstadtgewächs: geboren in der Bolkerstraße, spielte er als Kind im Hofgarten und besuchte - als mäßiger Schüler und ohne Abschluss dazu - das Düsseldorfer Lyzeum im Gebäude des ehemaligen Franziskanerklosters: heute St. Max.
Die eingefleischten Düsseldorfer unter Ihnen wissen es längst: von Harry Heine rede ich, der über unsere Stadtmauern hinaus besser bekannt unter seinem Taufnahmen Heinrich ist. Ihn, den promovierten wiewohl nicht praktizierenden Doktor der Juristerei, den erfolgreichen Lyri-ker, Prosaisten und Journalisten, den Literaturhistoriker und politischen Kommentator, vor allem aber: den Laientheologen im Nebenberuf habe ich mir als Begleiter meiner letzten Pre-digt hier in Düsseldorf erwählt. Er, der uns beiden vorangegangen ist nach Frankfurt und nach Berlin übrigens auch, der Worms thematisierte (in seiner Geschichte der Religion und Philo-sophie in Deutschland) und natürlich auch Köln (in seinem Gedicht Die Wallfahrt nach Kev-laar), als kritischer Geist an meiner Seite soll er, Heinrich Heine, garantieren, dass meine Ab-schiedsworte nicht gar zu zeremoniell ausfallen, vor allem: dass es hier und heute, wo zwei Priester Adieu sagen, nicht allzu klerikal zugeht.
Vielleicht werden Sie jetzt den Kopf schütteln oder sich gar (leise) echauffieren wollen über so einen wie den Heine: Was hat ein solcher Nestbeschmutzer hier in der altehrwürdigen Andre-askirche verloren? Heine, von Hause aus Jude, aus Karrieregründen im Alter von 25 Jahren durch Taufe in die protestantische Kirche eingetreten, soll uns römischen Christen ein Weg-weiser sein? Schon manchen seiner Zeitgenossen galt er als blasphemisch!
Nun, ich gebe zu: Dem Düsseldorfer Literaten fehlt unzweifelhaft der römisch-katholische Stallgeruch. Heine, der als einer der großen Religionskritiker deutscher Zunge gelten darf, er, der - zumindest zeitweise - gemeinsame Sache machte mit dem kirchlicherseits argwöhnisch beäugten Herrn Marx, Vorname: Karl , er, der von den "Zeloten des Katholizismus" sprach, den Klerus als "Pfaffengeschmeiß" geißelte und auch die Mönche nicht besonders mochte , dieser Mann eignet sich wohl kaum zur Verzierung der Altäre!
Liebe Gemeinde,
Sie merken, so ohne weiteres lässt sich Heinrich Heine nicht für kirchliche Zwecke vereinnah-men; zu viele und zu offensichtliche Gründe stehen dem entgegen. Weil nun aber - wie ich mit eigenen Ohren gehört habe - selbst der Herr Oberbürgermeister den lange so ungeliebten Sohn der Stadt öffentlich rühmt, und weil sich auch unsere fast schon dauerhaft namenlose Universi-tät auf Herrn Heine als Patron besann, kurz: da auch andere in Sachen Vereinnahmung nicht faul waren, will ich als Kirchenmann nicht zurückstehen. Deshalb also behauptet ich gegen alle Skeptiker eine herausragende Bedeutung des Dichters auch für uns Christen. Denn - so meine Überzeugung - Heinrich Heine gehört zu den großen Vorbildgestalten.
Mehrfach und in gleichlautender Formulierung hat Heine von drei großen Fragen gesprochen, die es zu lösen gilt: die "große Gottesfrage", die "große Suppenfrage" und die "große Kamel-frage".
Eng zusammen hängen die große Suppenfrage, d.h. die Frage nach dem materiellen Überleben, und die große Kamelfrage, insofern sich die Verwirklichung bzw. Nichtverwirklichung von sozialer Gerechtigkeit buchstäblich am biblischen Nadelöhr erweist, durch welches sich Kamele wie Reiche gleichermaßen quetschen müssen.
In diesem Zusammenhang kritisierte Heine alles, was nach veräußerlichter Religiosität roch (und natürlich noch vieles andere mehr!). Einen Glauben, der nur merkantilen Zwecken dient, hat er aufs schärfste abgelehnt. In seinen Fragment gebliebenen Memoiren etwa erinnert er sich an einen Satz seines Vaters, den dieser gesprochen hatte, nachdem ihm einige areligiöse Äuße-rungen seines Sprösslings kolportiert worden waren. Danach sagte der Herr Papa zum Sohne-mann: "Du kannst Philosoph sein, soviel du willst, aber ich bitte dich, sage nicht öffentlich, was du denkst, denn du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt." Und noch ein zweites Beispiel zu diesem Thema: In seinem Gedicht Das Sklavenschiff lässt Heine den Sklavenhändler Mynheer van Koek beten: "'Um Christi willen verschone, o Herr, / Das Leben der schwarzen Sünder! / Erzürnten sie dich, so weißt du ja, / Sie sind so dumm wie die Rinder. / Verschone ihr Leben um Christi willn, / Der für uns alle gestorben! / Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück, / So ist mein Geschäft verdorben.'"
Eine Religion, die sich in so durchsichtiger Weise plumpen Geschäftsinteressen beugt, ist nicht die Heines - und, so füge ich an: sie ist auch nicht die des Evangeliums Jesu Christi. Gegen ein ökonomisch verbrämtes Religionsgebaren wird der Dichter in Paris zum Künder sozial-religiöser Utopien. Statt wie die Obrigkeitskirche "Hundedemut und Engelsgeduld" zu predi-gen, erkennt Heine: "Die Menschheit ist aller Hostien überdrüssig, und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach echtem Brot und schönem Fleisch." Heine fordert - von BSE noch gänzlich unberührt - "Rindfleisch statt Kartoffeln" und auch mehr Tanz und weniger Arbeit.
Wenn sich vor noch gar nicht allzu langer Zeit, etwa 200 Jahre nach Heines Geburt, die beiden großen christlichen Kirchen in unserem Land mit ihrem gemeinsamen Sozialwort in die politi-sche Debatte eingemischt haben - und das keineswegs zur hellen Freude aller gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien -, dann handelte es sich dabei um ein Engagement, das sehr deutlich in der kritischen Tradition des Düsseldorfer Dichtersohnes steht.
Das, was Sozialwissenschaftler die "Entsolidarisierung" unserer Gesellschaft nennen, kommt heute in vielfältiger Gestalt daher, zum Beispiel als herzlose Reaktion auf obdachlose Men-schen in der Einkaufspassage, die da sagt: "Geht uns aus den Augen!" Ausgegrenzt werden im neuen Deutschland anno 2003 oftmals die Armen: fast fünf Millionen Arbeitslose, etwa zwei Millionen überschuldete Privathaushalte, ungezählte Sozialhilfeempfänger und andere mehr.
Vor dem Hintergrund solcher Zahlen und im Sinne der Kritik Heinrich Heines bedarf es auch seitens der Kirchen des Mutes, sich politisch einzumischen und eindringlich eine neue, solidari-sche Verteilung von Arbeit und Einkommen zu fordern - auch auf die Gefahr hin, sich unbe-liebt zu machen. In den großen Suppen- und Kamelfragen ist heute mehr denn je das klare Wort der Christen gefragt.
Liebe Gemeinde,
Heinrich Heine war Zeit seines Lebens von der "großen Gottesfrage" umgetrieben. Auch wenn er in seinen religiösen Überzeugungen lange und vielfältige Umwege gegangen ist, so doch "nur", um am Ende (wieder) bei (seinem) Gott anzukommen. Heine hat diese biographische Erfahrung in die biblische Metapher vom verlorenen Sohn gekleidet. Er schreibt: "Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet."
Allerdings ist seine Rückkehr zu Gott keine versöhnte; der Dichter bleibt "ein heimkehrender Sohn voller Zweifel" , ja auch der "Verzweiflung" . Auf seinem acht Jahre währenden Kran-kenlager, der berühmten "Matratzengruft", ringt Heine mit Gott, so wie einst Jakob am Jabbok mit dem Engel JHWHs ringen musste. Und wie Jakob bleibt auch Heine ein Verwundeter. Seine Verwundung schafft sich Luft im Spott, etwa wenn er seinem Freund Heinrich Laube schreibt: "Gottlob, daß ich jetzt wieder einen Gott habe, da kann ich mir doch im Uebermaaße des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben; dem Atheisten ist solch eine La-bung nicht vergönnt." Die Verwundung kann aber auch als gläubig fundierte Hoffnung da-herkommen, wenn auch ins satirische Gewand gesteckt: Einem der letzten Besucher vor sei-nem Tod, so berichtet eine Anekdote, die, wenn sie nicht wahr, so doch sehr gut erfunden ist, soll Heine auf die Frage nach seinem Verhältnis zu Gott geantwortet haben: "Dieu me pardon-nera. C'est son metier." - Gott wird mir verzeihen, das ist sein Geschäft!
Des Dichters "Heimkehr zum Gott seiner Väter" ist von vielen seiner Zeitgenossen argwöh-nisch beäugt worden. Und dennoch: Trotzig und gegen alles Unverständnis hat Heine sein Credo gesprochen - ob es seine Freunde hören wollten oder nicht. "Gott war immer der An-fang und das Ende all meiner Gedanken."
Die christliche Tradition nennt so etwas "Zeugnis-Geben". Als Gottes-Zeuge kann Heine heute Vorbild sein. Mich berührt das Bekenntnis des Dichters vor allem deshalb, weil er es mit seiner ganzen Person innerlich und äußerlich erkämpft hat. Nicht weihevolle Floskeln, die - weil hohl - eh keinen Hund mehr hinter dem Kamin hervorlocken, nicht dogmatisch gedrechselte und ach so richtige Formeln werden da zu Markte getragen. Ein frommer Einfaltspinsel war Heine auch am Ende seines Lebens nicht. Im Gegenteil: Wenn er beharrt: "...meine religiösen Über-zeugungen und Ansichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit; kein Glockenschlag hat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet..." , wenn Heine so spricht, dann verstehe ich diese Aussage als harsche Kritik an einer allzu heimeligen Kirchlichkeit, an jedweder abge-schotteten Frömmigkeit. Gott und Welt, so war der Dichter überzeugt, bilden eine Einheit. Die "Schöpfung des Vaters, die Liebe des Sohnes und die Freiheit des Heiligen Geistes bestimmen das Programm des Schriftstellers Heine, des Schülers des (weltlichen) Trommlers Le Grand und des (geistlichen) Rektors Schallmayer" zugleich.
Nicht nur seinen Zeitgenossen, auch uns hat der Dichter ins Stammbuch geschrieben: Die Sprache unseres christlichen Zeugnisses muss sich endlich ändern, sie muss deutlicher, gesell-schaftsrelevanter und auch provokanter werden. Wenn wir in unseren Debatten bloß und per-manent die kircheneigenen Wunden lecken, dann hört uns keiner mehr zu. Am Beginn des 21. Jahrhunderts werden wir Christen inmitten unserer Gesellschaft nur dann als Zeugen ernst ge-nommen, wenn wir über die Mauern unseres kleinen Kirchspiels hinaus blicken. Ängstliche Kirchenmäuschen und bigotte Sakristeischabracken haben heute nichts mehr zu vermelden - mögen sie progressiv oder reaktionär gewandet daherkommen. Wahrgenommen werden wir nur dann, wenn wir ein Zeugnis geben, das sich aus unserer persönlichen, gelungenen und ge-brochenen Gotteserfahrung speist. Dass ein solches Zeugnis dann schon einmal aneckt und der Obrigkeit (auch der kirchlichen!) quer liegt, ist in Kauf zu nehmen. Heine ist mir da Vorbild.
Liebe Gemeinde,
ich predige hier zum Abschied von Max und mir aus Düsseldorf. Vor dem Hintergrund des Gesagten hört sich die folgende Gedichtzeile aus Heines Buch der Lieder wie ein Alptraum an: "Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig..." . Wenn wir Christen und damit auch wir Dominikaner uns klein machen und bloß putzig aus der Wäsche schauen, dann ist kein Blumen-topf mehr zu gewinnen, dann ist es wirklich "aus" und - das ist jetzt kein dummes Wort: dann ist's "vorbei".
Das aber soll nicht sein! Im Gefolge von Heinrich Heine wünsche ich mir deshalb kritische und zugleich fromme Christen, die sich dort, wo sie stehen - hier in Düsseldorf gleichwie in Worms, Frankfurt, Köln oder Berlin - auch schon mal lautstark einmischen.
In diesem Sinne sei noch einmal und ein letztes Mal Heinrich Heine bemüht - und zwar im Sin-ne meines Wunsches für uns alle, die Bleibenden wie die Gehenden: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht..." !
Amen.
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